Archiv für Januar 2008

Deutschland nach Tschernobyl

Im April 1986 explodiert im ukrainischen Tschernobyl ein Atommeiler. Wulf Geng weilt in den Vereinigten Arabischen Emiraten und erfährt von dem Vorfall auf den hinteren Seiten der „Khaleej Times“: Wenige Wochen später reist er zurück nach Deutschland – und erlebt ein fremdes Land.

von Wulf Geng


weiterlesen auf einestages.spiegel.de

Abu Dhabi, Ende April 1986. Auf Seite 5 der „Khaleej Times“ wird unter der Rubrik „Europe“ ein „accident“ in ei­nem Kernkraft­werk in „Chernobyl, USSR“ erwähnt. Auch die Größe der Überschrift legt nahe, dass die Redaktion dem Ereignis ähnliche Bedeu­tung beimisst wie der alljährlichen Überschwemmung in Bangladesch oder der Entlassung des stellvertretenden Innenminis­ters der Philippinen. Also kein Grund zu besonderer Be­un­­ruhigung. Auch wenn meine Heimreise bereits in drei Wochen sein wird.

In den Pubs vor Ort ist „Chernobyl“ anfangs kein Thema. Erst nach einer Woche kommt es tatsächlich einmal zu einer Diskussion über „nuclear energy“. Ein englischer Lehrer fing damit an, und es erinnerte mich an ein Pflichtprogramm im Deutschunter­richt mei­ner Schul­zeit: Erörterung, Problemauf­satz. Hatte es damals nicht in jeder Klasse je ein bis zwei mehr oder weniger sprachgewandte Be­für­wor­ter und Gegner der Atomenergie gegeben, die sich meist bereits durch Haarlänge und Kleidung vonei­nander ab­grenz­ten? „Linke“ – also Kernkraftgegner – mit langen, „Rechte“ mit kurzen Haaren.
(mehr…)