Studis wollen Innovation für alle

Es ist schon verrückt: Zu 41 Prozent wird die medizinische Forschung weltweit aus öffentlichen Geldern finanziert. Und doch landen die Ergebnisse oft in den Händen weniger Pharma-Unternehmen, die durch Patente den Preis für Medikamente in die Höhe treiben. Schlechte Aussichten für Menschen in den Entwicklungsländern. Ändern möchte das die neu gegründete Initiative »Innovation für alle« (Infa).

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Es gibt viele Bereiche, in denen sich Studierende engagieren: Gegen Studiengebühren, für mehr Mitbestimmung, gegen die Verschulung ihres Studiums. Doch es gibt auch Studentinnen und Studenten, die beschäftigen sich mit Themen, die noch weniger massentauglich sind. Julia Rappenecker gehört zu ihnen. Die 23-jährige Medizin-Studentin an der Charité Berlin ist aktiv in der bundesweiten Initiative »Innovation für alle«, kurz Infa.

Rund 50 Studierende – vor allem aus dem Medizin-Bereich – wollen sich dafür einsetzen, dass die Forschungsergebnisse ihrer Institute nicht bloß dem Profit von Pharma-Unternehmen dienen, sondern auch der Allgemeinheit. Die Universitäten betreiben in Deutschland vor allem Grundlagenforschung, später werden die Ergebnisse oft von der Pharma-Industrie aufgekauft. Die Patente führen dazu, dass Medikamente teurer und für arme Menschen unerschwinglich werden.

Das möchten die Studierenden ändern: Die Unis sollten »Equitable Licensing« betreiben, fordert Julia Rappenecker. Das bedeutet, dass die Hochschulen das sogenannte Philadelphia Consensus Statement unterschreiben – eine Selbstverpflichtung mit zwei zentralen Punkten: Demnach dürften die Unis ihren wissenschaftlichen Erfolg nicht nur in Anzahl der Publikationen und Profit messen, »sondern auch im Anteil am Gemeinwohl«, erklärt Rappenecker. Dadurch soll gewährleistet werden, dass nicht bloß an Krankheiten der Industriestaaten geforscht wird. Der zweite Punkt betrifft den Verkauf der Ergebnisse an die Pharma-Unternehmen. Hochschulen sollten hier »darauf achten, dass Entwicklungsländer besondere Klauseln bekommen, die es erlauben, zu günstigen Preisen Medikamente zu erwerben«. Das könne in den Verkaufsverträgen geregelt werden.

Unklar bleibt, wie günstig eine Arznei sein muss, damit sie für alle bezahlbar ist. Der Preis sei letztlich Verhandlungssache zwischen Uni und Unternehmen, sagt Rappenecker. Wichtig sei, »dass die Uni das Ruder nicht vollständig aus der Hand gibt« und auch nach dem Verkauf des Wissens mitbestimmen darf.

In den USA ist das an einigen Unis bereits gängige Praxis: Über 2500 Menschen – darunter auch viele Professoren – haben das Philadelphia Consensus Statement bis jetzt unterschrieben. Druck gemacht hat das Akademiker-Netzwerk Universities Allied for Essential Medicines (UAEM), das Untergliederungen an knapp 30 US-amerikanischen Hochschulen hat.

Nun sollen mit der neuen Studi-Initiative Infa auch in Deutschland Erfolge errungen werden. Ortsgruppen gibt es bereits in neun Städten – von München bis Kiel. Die wollen ihre Universitäten dazu bringen, sich selbst zu einer verantwortungsvollen Medizin-Forschung zu bekennen. Für den Herbst plant Infa eine Informationstour durch Deutschland; an den Unis sollen zudem eigene Seminare angeboten werden, in denen Studierende Scheine erwerben können. Interesse scheint jedenfalls vorhanden zu sein: Medizin-Student Stefan Reinsch ist zwar noch nicht in der Initiative. Wenn er jedoch mehr wisse und konkrete politische Aktionen anständen, »dann mach ich mit«, versichert er.

Informationen sind jedoch tatsächlich kaum vorhanden. Jonas Özbay gehört zu der Recherchegruppe innerhalb der Infa. Bislang sei nicht einmal klar, wie viele Patente die deutschen Universitäten an Unternehmen verkauften, sagt er. Das liege durchaus im Interesse der Pharma-Industrie. Für die sei es »gut, wenn’s diffus bleibt«.

Hintergrund-Info: Mehrere Millionen Menschen sterben laut Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich an Krankheiten, die durch Impfungen hätten vermieden oder mit Medikamenten hätten behandelt werden können. Ein Grund dafür sind die hohen Preise, die Medikamente für arme Menschen unerschwinglich machen. Patente tragen erheblich dazu bei. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen konnte zeigen, dass die Kosten für eine HIV-Therapie durch Ausnahmen vom Patentschutz von 10 439 US-Dollar im Jahr 2001 auf nur 87 Euro im Jahr 2008 gesenkt werden konnten. Die Zahl der Menschen, die in armen Ländern eine moderne Aidstherapie erhalten, ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

Originalquelle: neues-deutschland.de

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