Gibt es Klima-Flüchtlinge?

„klima.MACHT.flucht“: Bei einem Kongress unter diesem Titel könnte man meinen, es sei allen klar, dass es Klima-Flüchtlinge gibt. Doch auf der Auftakt-Diskussion streiten sich die Aktivisten über Sinn und Unsinn des Begriffs. Und wenn es Klima-Flüchtlinge gibt: Wie stellt man das Problem in der Öffentlichkeit dar?

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„Es gibt keine Klima-Flüchtlinge.“ Das sagt ausgerechnet Chris Methmann, Autor der Greenpeace-Studie über Klima-Flüchtlinge. Schnell fügt er jedoch hinzu: „Wohl aber gibt es ein Phänomen der Klima-Flucht.“ Er sitzt auf dem Podium, das über die Frage diskutieren soll, wie soziale Folgen des Klimawandels sichtbar gemacht werden können.

Es ist die Auftakt-Veranstaltung vom Kongress „klima.MACHT.flucht“, der am Wochenende in Hannover stattfindet. Das Jugendumweltnetzwerk Janun hat zusammen mit der Grünen Jugend, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Flüchtlingsrat Niedersachsen eingeladen – etwa 100 junge Menschen sind gekommen.

Nun muss Methmann seine Position begründen. Klima-Flüchtlinge seien nicht so einfach zu identifizieren, weil immer „eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle spielen“. Beispiel Malediven: 80 Prozent der Landfläche liege gerade einmal ein Meter über dem Meeresspiegel, bald könnte die Insel weitestgehend überschwemmt sein, Klima-Flüchtlinge wären die Folge. Aber mit Entwicklungsgelder wurde um die Hauptstadt ein Deich gebaut – ein Zehntel des jährlichen Bruttoinlandsprodukt seien dafür ausgegeben worden, berichtet Methman. Ob Menschen flüchten, hänge also davon ab, wie soziale Folgen des Klimawandels abgefedert würden.

Problematischer Begriff?

Auch Kristina Dietz von der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) betont, dass es „keine eindimensionalen Kausal-Strukturen“ gebe: Vielmehr würden viele Probleme wie beispielsweise Wasserknappheit durch den Klimawandel „verschärft“, nicht jedoch verursacht. Außerdem bediene man mit dem Begriff des Klima-Flüchtlings einen Diskurs, in dem Klimawandel als Sicherheitsproblem gesehen wird. Militär-Einsätze und Abschottung würden so unabsichtlich gerechtfertigt. Dietz kommt daher zu dem Schluss, dass man den Begriff „politisch ablehnen“ sollte.

Das empört den Aktions-Künstler Hermann-Josef Hack: „Wenn ich es hinkriege, alles so wegzudefinieren, dass es am Ende keinen Klimawandel und keine Klimaflüchtlinge gibt“, dann sei damit letztlich niemanden geholfen.

Sichtbarmachen – aber wie?

Nur: Wie kann man Klimaflüchtlinge darstellen? Hack weiß es, denn er hat bereits mehrfach sein Mini-Klima-Flüchtlingslager mit 600 Zelten an prominenten Orten aufgestellt – beispielsweise vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Werden dadurch die Klimaflüchtlinge nicht als Gefahr wahrgenommen, die Europa überschwemmen und vor denen man sich abschotten muss? Diese Interpretation sei möglich, räumt Hack ein, aber „ich möchte keinen mit meiner Arbeit bevormunden“. Außerdem habe er die Erfahrung gemacht, dass die Zelte als „niedlich“ und „harmlos“ betrachtet wurden.

Jede Darstellungsform hat seine Kritiker: Große Zahlen sind unpersönlich, Flüchtlingsströme können als Bedrohung wahrgenommen werden, einzelne Menschen können zu handlungsunfähigen Klima-Opfern gemacht werden.

Ein Seattle für die Klima-Bewegung

Vielleicht ist die Darstellung von Klima-Flüchtlingen gar nicht mehr nötig: „Es gibt ganz viele Leute, die wissen, dass es Klima-Flüchtlinge gibt“, sagt Klima-Aktivist Tadzio Müller. Diese Leute seien weitaus mehr als diejenigen, die sich an Protesten beteiligen. Daher brauche man Ereignisse, die für die Klimabewegung motivierend wirken. So etwas wie das, „was für die globalisierungskritische Bewegung Seattle war“. Dort war eine Konferenz der Welthandelsorganisation WTO abgebrochen worden, nachdem es zu heftigen Auseinandersetzungen zwichen Gipfelgegnern und Polizei gekommen war. Für Müller ist deshalb klar: „Sichtbarmachen war gestern. Gegenmacht aufbauen ist heute und morgen.“

Felix Werdermann

Originalquelle: wir-klimaretter.de

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