Auf der Suche nach der grünen E-Mail

Eine klimafreundliche E-Mail-Adresse – gibt es die überhaupt? Seit Anfang des Monats ist es schwierig geworden, denn der Ökostromanbieter Greenpeace Energy gibt sein E-Mail-Angebot auf. Wo können umweltbewusste Menschen jetzt E-Mails schreiben, ohne dass dafür Atom- und Kohlestrom verbraucht wird?

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Ein Ahorn-Blatt ragt aus einem Brief-Umschlag heraus. So sieht die Werbung vom E-Mail-Anbieter GMX für ein „grünes Postfach“ aus. E-Mails schreiben ohne Atom- und Kohlestrom – so lautet das Versprechen des Unternehmens, das bereits 12 Millionen Postfächer bereitstellt. Doch die Suche nach einer wirklich klimafreundlichen E-Mail-Adresse ist nicht ganz so leicht.

Immer mehr Menschen in Deutschland nutzen das Internet, um privat zu kommunizieren. Die neuesten Erhebungen der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) gehen von 43 Millionen Internetnutzern in Deutschland aus, das sind zwei Drittel der Menschen ab 14 Jahren. Fast 90 Prozent davon nutzen das Netz auch um private E-Mails zu schreiben.

Fast 40 Millionen E-Mail-Schreiber in der Bundesrepublik – das frisst Energie. Wieviel Strom genau für die E-Mail-Dienste verbraucht wird, lässt sich nicht ermitteln, denn die Server werden nicht nur für die elektronische Post genutzt, sondern für sämtliche Internet-Dienste. Insgesamt werden für Betrieb und Kühlung der Server in Deutschland 10 Milliarden Kilowattstunden Strom verbraucht, heißt es in einer Studie des Umweltbundesamts. Das entspreche der Leistung vier mittelgroßer Kohlekraftwerke.

Wer die Klimakiller abschalten möchte, konnte bisher zu einer E-Mail-Adresse von Greenpeace Energy wechseln. Bis Ende letzten Monats hat der Ökostrom-Anbieter aus Hamburg Privatpersonen die Möglichkeit gegeben, ohne Atom- und Kohlestrom kostenlos elektronische Briefe zu verschicken und zu empfangen. Genutzt haben das 3.500 Menschen – vorwiegend die eigenen Kunden, die auch für ihren Haushalt klimafreundlichen Strom beziehen. Ein besonderer Anreiz: Bei Greenpeace Energy hat man solch schöne Endungen wie atomstromfrei.de erhalten.

Damit ist es nun vorbei: Zum 1. Juli hat der umweltfreundliche Strom-Anbieter das E-Mail-Angebot beendet. Zu teuer – und die meisten Benutzer wären nicht bereit, zu zahlen oder Werbung zu akzeptieren, heißt es in einer Mitteilung an die Kunden. Das alles sei aber halb so schlimm, denn bei Greenpeace Energy erfährt man gleichzeitig, „dass auch andere Web-Dienste unsere damals einmalige Idee aufgegriffen haben und auf Ökostrom umgestellt haben. Diese Entwicklung freut uns sehr, und wir bewerten sie als Ihren und unseren gemeinsamen Erfolg.“

Aber sprießen nach fünf Jahren atomstromfrei.de die Öko-Mail-Anbieter tatsächlich aus der Erde, wie es diese Zeilen vermuten lassen? Das Suchen nach umweltfreundlichen Mail-Anbietern mit Google lässt anderes vermuten. Ergebnis: Zahlreiche Blindgänger und Pseudo-Angebote, die sich bei näherem Hinsehen als Grünfärberei erweisen.

Da wären zunächst die großen Kostenlos-Anbieter wie GMX und Web.de. Diese beiden Dienste gehören zu United Internet und brüsten sich für ihren „Strom aus erneuerbaren Quellen“, den sie von den Stadtwerken Karlsruhe beziehen. Ein „Ökostrom Zertifikat“ der Stadtwerke bestätige ihnen, aus welchen Wasserkraftwerken der Strom komme.

Das ganze als Ökostrom zu bewerben, ist etwas gewagt: Die Stadtwerke produzieren knapp ein Fünftel ihres Stroms durch erneuerbare Energien. Wenn sie nun an das Rechenzentrum Strom aus Wasserkraft verkaufen, so erhalten andere Abnehmer einen noch klimaschädlicheren Mix. Umweltschützer werben daher für reine Ökostrom-Anbieter, bei denen gesichert ist, dass alle Gewinne in den Ausbau regenerativer Energien fließen. Bei den Stadtwerken Karlsruhe ist das nicht zu erwarten: Als wichtigste Partner zählen sie die großen Energiekonzeren EnBW und Eon auf, die nicht gerade für eine umweltfreundliche Firmenpolitik bekannt sind.

GMX und Web.de decken mit über 20 Millionen Kunden über die Hälfte des E-Mail-Markts ab. Viele Kunden sind bei wenigen großen Unternehmen, zu dem Schluss kommt auch eine Studie im Auftrag der Bundesnetzagentur. Darin heißt es: „Marktbehrrschend sind nur sehr wenige Großunternehmen; der große Teil der Klein- und Kleinstunternehmen spielt nur eine geringe Rolle.“

Das Internetmagazin Netzwelt.de spricht von acht „Platzhirschen“: AOL, Arcor, Freenet, GMX, Google Mail, Web.de, Windows Live Hotmail und Yahoo!Mail. Doch bei all diesen E-Mail-Anbietern sehen zwar die Kundenzahlen gut aus, nicht aber die Klima-Bilanz. Nach eigenen Angaben jeweils über eine Millionen Nutzer, aber abgesehen von Freenet kann niemand sagen, wo der Strom herkommt.

Bei Freenet hat man sich Ähnliches wie GMX und Web.de einfallen lässen. Hier kommt der „Ökostrom“ von den Stadtwerken Düsseldorf. Das Unternehmen gehört zu über der Hälfte dem Energieriesen EnBW, die Einnahmen fließen zum Teil in zusätzliche Klimaverschmutzung. Denn die Stadtwerke wollen ein neues Kohlekraftwerk bauen, das nach eigenen Angaben fast zwei Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft blasen würde.

Neben den Konstenlos-Anbietern gibt es auch E-Mail-Dienste, für die der Kunde zahlen muss. Zu den größten gehört die Deutsche Telekom, die sich auch ein klimafreundliches Mäntelchen gibt: „Der gesamte Stromverbrauch für den kompletten E-Mail-Dienst stammt direkt oder indirekt aus erneuerbaren Energiequellen“, schreibt eine Unternehmenssprecherin. Indirekt – das heißt, dass die Telekom so genannte RECS-Zertifikate kauft. Diese sollen nachweisen, dass die entsprechende Strommenge in anderen Kraftwerken klimafreundlich produziert wurde. Unter Umweltschützern und Öko-Stromanbietern werden diese Zertifikate aber abgelehnt, weil nicht sichergestellt ist, dass auch neue Erneuerbare-Kraftwerke gebaut werden. Greenpeace Energy hält die Gutschriften für „Greenwashing“.

Für umweltbesusste E-Mail-Schreiber bleiben da eigentlich nur noch kleine E-Mail-Anbieter übrig. Ein wenig Internetrecherche führt auf die Websites biohost.de und biomail.de. Beide Seiten beziehen ihren Strom komplett von Greenpeace Energy. Die anderen Ökostrom-Anbieter Lichtblick, Naturstrom und Elektrizitätswerke Schönau können auf Anfrage keine E-Mail-Anbieter als Strom-Kunden vorweisen.

Bei näherem Hinsehen fällt auf, dass biohost.de kein klassischer E-Mail-Anbieter ist. Stattdessen kann man sich dort für 2,99 Euro im Monat eine Domain und zwei Gigabyte Speicherplatz kaufen – ähnlich ist das auch bei anderen Anbietern wie inet.de. Das hat zwar den Vorteil, dass man seine E-Mail-Adresse dauerhaft behalten kann und man sich nicht – wie bei Greenpeace Energy – nach fünf Jahren eine neue Anschrift suchen muss, erklärt Lars-Helge Wilbrandt von biohost.de. Allerdings ist die Handhabung nicht so einfach: Zum Bestellen muss man eine Mail schreiben, man erhält Zugangsdaten und kann sich nicht wie bei anderen E-Mail-Anbietern direkt auf der Seite einloggen.

Wer also zu einem richtigen E-Mail-Anbieter mit Ökostrom möchte, dem bleibt eigentlich nur noch biomail.de. Dort kostet ein E-Mail-Postfach je nach Größe zwischen 1,49 Euro und 4,49 Euro pro Monat, dafür ist es werbefrei. Seit einem Jahr gibt es den Anbieter, inzwischen hat er fast 1.000 Kunden. Durch das Ende von atomstromfrei.de „sind natürlich ein paar gekommen“, sagt Geschäftsführer Steffen Borzner, genaue Zahlen habe man aber nicht.

Vielleicht liegt der Kundenzuwachs auch an der „Liste“ mit klimafreundlichen E-Mail-Anbietern, die Greenpeace Energy auf Anfrage an seine Kunden gegeben hat. Offiziell gibt das Ökostrom-Unternehmen keine Empfehlungen, weil es „nicht als Garant auftreten“ möchte für einen guten Service des E-Mail-Anbieters, sagt Robert Werner von Greenpeace Energy. „Dann kommen die Leute auf uns zurück.“ Praktisch kennt der Ökostrom-Lieferant aber auch bloß biomail.de. Keine große Auswahl also für klimabewusste E-Mail-Schreiber. Und die Zeiten, in denen klimafreundliche E-Mail-Kommunikation kostenlos war, sind jetzt auch vorbei.

Felix Werdermann

Originalquelle: wir-klimaretter.de

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