Krümmel: Vattenfall hat’n Knall

Es ist schon etwas peinlich: Da steht das Atomkraftwerk Krümmel zwei Jahre still, angeblich wird alles genau untersucht. Dann wird das Kraftwerk wieder angeschaltet, wenige Tage danach gibt es schon wieder Störfälle und der Reaktor muss runtergefahren werden. Der Betreiber Vattenfall muss dafür selbst von der CDU Kritik einstecken.

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Vattenfall hilft der SPD beim Wahlkampf: Auch so könnte man die Ereignisse der letzten Tage deuten. Mit dem An- und Abschalten des Atomkraftwerks Krümmel macht sich der Energiekonzern nicht nur lächerlich, sondern er heizt auch die Debatte um die weitere Nutzung der Risikotechnologie weiter an.

Und so ging es los: Im Sommer 2007 wurde das AKW Krümmel nach einem Transformatorbrand abgeschaltet. Der Pannenreaktor wurde zwei Jahre lang untersucht – offiziell hat es so lange gedauert, bis alle Probleme entdeckt und gelöst waren. Da ist sicherlich ein Stück Wahrheit dran. Und es zeigt, dass normalerweise wohl nicht sorgfältig gearbeitet wird, denn die Wartung der Atomkraftwerke dauert in der Regel Wochen, und nicht Jahre.

Einige Atomenergie-KritikerInnen behaupten, der AKW-Betreiber Vattenfall habe das Wiederanfahren des Reaktors so lange hinausgezögert, um sich längere Laufzeiten für die Anlage zu sichern. Denn wenn der Reaktor nicht in Betrieb ist, verbraucht er auch nicht die so genannte Reststrom-Menge, die ihm nach dem „Atomenergie-Ausstiegsgesetz“ noch zusteht. Mit diesem Trick wird das Kraftwerk die kommende Bundestagswahl im September überleben – und danach könnte eine atomfreundliche CDU-geführete Bundesregierung die Laufzeiten verlängern. Für die AKW-Betreiber würde dies satte Gewinne bedeuten – das Risiko trägt die Bevölkerung.

Als Vattenfall Ende Juni die Erlaubnis von der Atomaufsichtsbehörde bekam, das Atomkraftwerk Krümmel wieder anzufahren, protestierten Atomkraftgegner und forderten die Abschaltung. 15 Tage später ging ihr Wunsch in Erfüllung – wegen erneuter Störfälle.

So gründlich ist die Atomanlage wohl doch nicht untersucht worden. Dabei hatte die zuständige Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) zuvor erklärt, man habe „mit größter Sorgfalt und umfassend die Beseitigung der Mängel überwacht“ und dabei „strengste Maßstäbe“ angelegt.

Nach den Störfällen hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, ebenfalls von der SPD, erklärt, die Atomanlage dürfe erst wieder angefahren werden, wenn er dem zustimme. Am liebsten würde er das Kraftwerk aber vorzeitig abschalten erklärte er – falls er nach der Bundestagswahl noch Umweltminister sei.

Die Sozialdemokraten schlachten also die Diskussion um Atomkraft für ihren Wahlkampf aus. Und die CDU macht auch noch mit: Sie hält immer fleißig dagegen. Die Atomkraftwerke sollen trotz der Störfälle länger laufen dürfen. Dabei kritisieren inzwischen selbst hohe Unionspolitiker wie die Ministerpräsidenten Roland Koch und Günter Oettinger das Verhalten des Energiekonzerns Vattenfall. Der schwedische Konzern ist böse, Atomkraft ist gut.

„Die Dummheit der Energiekonzerne in ihrer Kommunikation ist kaum noch beschreibbar“, sagte Roland Koch gegenüber dem Hamburger Abendblatt. Vattenfall wird von den Konservativen vor allem für seine Informationspolitik kritisiert. Der Energieriese hatte nach den Vorfällen vor zwei Jahren versprochen, sämtliche Unfälle unverzüglich zu melden – und kurz nach dem Anfahren des Pannenreaktors das Versprechen gleich wieder gebrochen. Denn nicht Vattenfall informierte die Atomaufsicht über den Ausfall des Transformators, sondern Anwohner und Polizei.

Ein Atom-Wahlkampf ist durch diese Vorfälle noch wahrscheinlicher geworden. Fast die Hälfte der Deutschen geben laut einer Emnid-Umfrage im Auftrag der Bild-Zeitung an, dass ihnen das Thema Atomkraft bei der Wahlentscheidung wichtig oder sehr wichtig sei. Und so werden sich alle Politiker dazu äußern – was dann nach der Wahl passiert, ist eine andere Frage. Die SPD hat es in den letzten vier Jahren schließlich nicht einmal geschafft, einen einzigen Reaktor vom Netz zu nehmen. Und die Grünen haben das mit der Zustimmung zum Atomkompromiss erst ermöglicht. Jetzt droht eine Laufzeitverlängerung bis ins Unendliche.

Felix Werdermann

Originalquelle: jugendzeitung.net

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