50.000 gegen Atomkraft auf den Straßen

Die S-Bahnen sind voll. Die Berliner fahren zum Hauptbahnhof. Auf dem Vorplatz drängt es sich, nur langsam kommt man vorwärts. Heute demonstrieren zehntausende gegen den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke. Noch weiß niemand, dass am Ende der Demo verkündet wird, dass 50.000 Menschen dabei sind.

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Aus Berlin von FELIX WERDERMANN, JÖRG ZEIPELT und SARAH MESSINA

Das Wetter ist gut, die Sonne scheint, der Wind weht. Hanna Poddig ärgert das. Die Atomkraftgegnerin läuft auf Stelzen und verteilt Flugblätter. Der Wind quält sie ein wenig. „Es ist derbe anstrengend“, sagt sie. Für die vielen Fahnenträger hingegen ist das Wetter optimal. Auffällig sind vor allem die Grünen-Fahnen und die gelben Fahnen mit der Anti-Atom-Sonne.

Transparente sind auch überall zu sehen. „Es geht wieder los!“, begrüßt ein rund zehn Meter breites Banner der Anti-Atom-Kampagne „.ausgestrahlt“ die Demonstranten am Hauptbahnhof. Im Kampf um die größte Sichtbarkeit dürfte es aber von der CDU-Werbefläche übertroffen werden. „Klug aus der Krise“, steht darauf, daneben lächelt Angela Merkel. Doch das Plakat bleibt nicht lange heile. Mehrere Dutzend Anti-Atom-Aufkleber verdecken den CDU-Schriftzug – mehr oder weniger. Dann wird das Riesenplakat zerschnitten. Zunächst ist im Hals der Kanzlerin ein Loch. Dann wird es ausgeweitet, am Ende ist auch ein Teil des CDU-Schriftzugs nicht mehr zu sehen. Zwei Meter hoch, ein Meter breit – dieses Stück fehlt nun.

Auch die Autos am Straßenrand bleiben nicht verschont. Aufkleber mit der Anti-Atom-Sonne kleben an Fensterscheiben, am Rückspiegel oder auf dem Mercedes-Stern. Tausende ziehen durch die Straßen. Nur zehn Leute rollen gegen den Strom. Die Bunte Jugend Reinickendorf – kurz BJR – bahnen sich den Weg durch die Demonstration mit ihrem Atommüllfass. „Achtung, Achtung! Räumen Sie die Straße“, rufen sie dazu.

Das Atommüllfass kommt eigentlich aus dem Campact-Castorbehälter. Heute ist der nachgebaute Atommülltransport bereits zum zweiten Mal in Berlin dabei. Rund 50 Aktivisten beschützen den Lkw mit der vermeintlich gefährlichen Fracht, messen die Strahlung und rollen die Atomfässer vor sich her. Auch die Lautsprecheranlage mit vier Boxen kommt heute erstmals zum Einsatz. Als der Demozug an den Zentralen der Energiekonzerne RWE und EnBW vorbeikommt, werden die Orte auf ihre Endlagertauglichkeit überprüft – leider erfolglos.

Bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor sind neben Ökostromanbietern auch Parteien, Umweltverbände und andere Gruppierungen präsent. Von der Bühne wird ordentlich Stimmung gemacht. „Sind wir viele?“ „Ja!“ „Sind wir mehr denn je?“ „Ja!“ Zunächst wird die Teilnehmerzahl auf 40.000 beziffert, dann wird sie auf 50.000 nach oben korrigiert. Die Polizei spricht von 36.000 Demonstranten.

„Der politische Irrsinn zwingt uns: Wir müssen wieder auf die Straße“, sagt Jungbauer Fritz Pothmer vom Anti-Atom-Treck aus Gorleben. Sein Vater Heinrich Pothmer war bereits vor 30 Jahren beim Treck der Wendländer nach Hannover dabei. Mittlerweile protestiert die dritte Generation im Widerstand. „Wer hätte das gedacht“, meint Pothmer, „Wenn wir hier zwei Drittel der Bevölkerung repräsentieren, wie kann sich eine Bundeskanzlerin zur Erfüllungsgehilfin der Atomlobby machen?

Auch Ingo Hummel von der IG Metall kommt auf der Bühne zu Wort: „Wir wollen nicht das Atomklo der Nation werden“. Gleichzeitig für Erneuerbare zu sein und weiter auf Atom- und Kohlestrom zu setzten, „das geht nicht“. Hubert Weiger vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) meint: „Noch kein Atommüll ist bisher sicher gelagert worden. Das kann nur eines heißen: Sofort alle Atomanlagen abschalten!“.

Erst nach 17 Uhr werden es weniger. Die Leute müssen zu ihren Bussen zurück, sie sind erschöpft. Aber man sieht ihnen an: Die heutige Demo war ein Erfolg. Jochen Stay von .ausgestrahlt ist mehr als zufrieden über die „größte Anti-Atom-Demo seit 23 Jahren“. Überrascht über den starken Auftritt der Antiatombewegung ist er jedoch nicht. „Wir haben den Parteien heute gezeigt, womit zu rechnen ist, wenn der lang angekündigte Atomausstieg nicht umgehend umgesetzt wird“, sagt Stay: „Den Leuten reicht’s“.

Drei Wochen vor der Bundestagswahl hat die Anti-Atom-Bewegung ein deutliches Zeichen für den Ausstieg gesetzt. Bleibt abzuwarten, ob auch die Politik das versteht.

Originalquelle: wir-klimaretter.de

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