Brüssel ohne Auto

Global denken, lokal handeln: In Brüssel werden nicht nur mehr oder weniger ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen auf EU-Ebene ausgeheckt. Auch vor Ort wird einiges ins Rollen gebracht – zum Beispiel mit dem autofreien Sonntag.

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Schon seit Tagen kündigen Plakate in Brüsseler Bushaltestellen die Mobilitätswoche an: Bunte Lutscher sind darauf zu sehen, darüber steht: „Goûtez à une autre mobilité“ – Probieren Sie eine andere Mobilität. Der Höhepunkt der Aktionswoche ist der autofreie Sonntag.

Der autofreie Sonntag ist unter den Einwohnern sehr beliebt – viele nutzen die Gelegenheit, eine Radtour mit der Familie zu machen oder einfach bei der einen oder anderen Veranstaltung vorbeizuschauen. Das reicht vom Musikprogramm bis zur kostenlosen Fahrradreparatur, politische Diskussionen fehlen hingegen. Heute bestimmt eben der Wohlfühl-Faktor.

Dass die Brüsseler zufrieden sind, zeigt auch eine Umfrage aus dem letzten Jahr: Fast 90 Prozent sehen den Tag als eine gute oder gar exzellente Initiative. Es gibt viele, die gerne mehrere autofreie Sonntage im Jahr hätten. Vielleicht auch wegen des Angebots der lokalen Nahverkehrsgemeinschaft: Metro, Tram und Bus sind an diesem Tag kostenlos.

Ganz Brüssel – 161 Quadratkilometer – ist von 9 bis 19 Uhr für den Autoverkehr gesperrt. Reisebusse, Taxis und der öffentliche Nahverkehr ist von der Regelung ausgeschlossen – und natürlich Polizei, Krankenwagen und Feuerwehr. Auch für Sonderlieferungen und aus medizinischen Gründen können Sondergenehmigungen für den motorisierten Individualverkehr eingeholt werden. Alle müssen jedoch Rücksicht auf die Radler nehmen – Höchstgeschwindigkeit 30 Stundenkilometer.

Es sind es vor allem Radfahrer, die das Straßenbild dominieren. Dazwischen mischen sich Skater, sogar eine Pferdekutsche macht einen Sonntagsausflug. Der Lärm ist um den Faktor sieben geringer als an normalen Tagen, heißt es auf der Website des Aktionstags. Auch eine deutlich sauberere Luft könne gemessen werden.

Das liegt aber auch daran, dass Brüssel ansonsten nicht gerade fahrradfreundlich ist. Die Radlerlobby Gracq – so etwas wie der belgische ADFC – freut sich zwar, dass in den letzten Jahren viele Fortschritte erreicht worden seien: kostenlose Fahrradmitnahme in Bus und Bahn, ein Radwegenetz oder die Öffnung zahlreicher Einbahnstraßen für Radler in entgegengesetzte Richtung. Trotzdem fehlt meist ein eigener Radweg, die Straßen sind voll, und es geht bergauf und bergab.

Seit dem Jahr 2000 gibt es den autofreien Sonntag in Brüssel. Drei Stadteile hatten damals die Pionierrolle übernommen, ab dem folgenden Jahr, waren auch andere Kommunen dabei. Die Idee selbst ist auch gerade mal zwei Jahre älter – 1998 wurde in Frankreich erstmals ein Tag ohne Auto ausgerufen.

Inzwischen werden die Aktivitäten für eine Reduktion des Autoverkehrs europaweit koordiniert. Vor sieben Jahren hat die damalige EU-Umweltkommissarin Margot Wallström die „European Mobility Week“ ausgerufen, im letzten Jahr haben sich über 2.000 Städte und damit schätzungsweise über 200 Millionen EU-Bürger an der Aktionswoche beteiligt. Dieses Jahr sind es 1.669 Orte. In Spanien und Österreich machen jeweils über 300 Städte mit, in Deutschland nur 41, in Belgien sind es gerade mal sechs.

Felix Werdermann

Originalquelle: wir-klimaretter.de

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