Jung, frech, kreativ

Politiker-Biografien gibt es viele: Über bedeutende Staatsmänner, langjährige Parteigenossen oder hartnäckige Oppositionsführer. Meist sind es alte Herren, die jahrelang in den Institutionen gearbeitet haben und quasi zum Abschluss ihrer Karriere auch in Buchform ihre Sicht auf die Welt darlegen. Dabei kann Politik auch ganz anders aussehen: jung, frech, kreativ. Das zeigt eindrucksvoll Hanna Poddigs Buch »Radikal mutig«, das diese Woche im Rotbuch-Verlag erschienen ist (224 Seiten, 14,90 Euro).

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Es ist keine typische Autobiografie, die Hanna Poddig geschrieben hat. Sie selbst spricht von einer »Anleitung zum Anderssein«. Und doch erfährt man jede Menge aus dem Leben der 23-jährigen Vollzeitaktivistin. Rund um die Uhr kämpft sie für eine herrschaftslose Welt. Wenn mal kein Castortransport fährt, den sie blockieren kann, besetzt sie ein Feld, auf dem gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden sollen. Wenn kein Zug mit Rüstungsgütern zu stoppen ist, protestiert sie auf Aktionärsversammlungen von Energiekonzernen gegen die Umweltverschmutzung. Und wenn sie nicht gerade Flugblätter verteilt, um für Konsum ohne Tierausbeutung zu werben, versperrt sie die Zufahrt zu einem Stützpunkt für Atom-U-Boote. Oft berichten auch die Medien über solche Aktionen, doch im Buch ist man live dabei.

Bezahlt wird die Aktivistin nicht für ihr Engagement, aber irgendwie kommt sie über die Runden. Und für ihre Aktionen stellt ihr selbst die Polizei ein positives Zeugnis aus: Bei Poddig handle es sich »offensichtlich nicht um eine Mitläuferin, sondern um eine engagierte Umweltschützerin«. Hintergrund dieser skurrilen Polizeiaussage ist der Vorwurf, sie habe eine unangemeldete Demonstration geleitet. Das ist aber nur ein Punkt in einer langen Reihe an Streitigkeiten zwischen der staatlichen Autorität und der jungen Aktivistin, die »beschützte kriminelle Vereinigungen wie die Polizei lieber heute als morgen abgeschafft wissen« will.

Poddig hat ihre Erfahrungen gesammelt: Nach Aktionen wird sie auf der Polizeiwache festgehalten, sie hat auch schon einige Stunden im Gefängnis verbracht. Doch manchmal sind ihre Geschichten auch nur zum Schmunzeln. Wenn sie die Ordnungshüter nach den Rechtsgrundlagen für ihre Befehle fragt und die völlig überfordert sind. Oder wenn sie für einen Aufkleber auf einem SPD-Plakat vor Gericht steht, obwohl die Partei mit dem Sticker kein Problem hat.

Sind ihre Aktionen zu radikal? »Die Behauptung, eine Unterschriftensammlung sei leichter zu vermitteln, widerspricht jedenfalls meinen Erfahrungen«, schreibt Poddig. Weil zum Beispiel bei einer Besetzung eines Gentechnikfelds »vollkommen klar ist, was sie erreichen kann«. Das Saatgut kann dann nicht ausgebracht werden, zumindest auf dem einen Acker hat Gentechnik keine Chance.

Und dann ärgert sich die Aktivistin darüber, dass Erfolge von einzelnen Organisationen vereinnahmt werden. Im Fall Gentechnik habe das Kampagnen-Netzwerk Campact ein Video veröffentlicht, in dem Feldbesetzungen mit keinem Wort erwähnt worden seien – dafür aber die eigene Kampagne als »Geschichte eines Erfolgs« verkauft werde. Von Campact und dessen »konsumierbaren Widerstand« hält Poddig ohnehin nicht viel. Aber auch sonst findet sie ehrliche Worte und lobt die Bewegung nicht in den Himmel – gerade ihre Kritik macht das Buch so spannend: Sie erzählt von Umweltorganisationen, denen es nur darum geht, ihr Image zu pflegen und von Strategietreffen, bei denen das Bild von alten Herren aus etablierten Organisationen dominiert wird. Von Kongressen, die mit vorgefertigten Abschlusserklärungen enden, und Autonomen, die sich keinen Deut um ihre Außenwirkung kümmern.

Wem dieser Blick hinter die Kulissen einer außerparlamentarischen Vollzeitpolitikerin noch nicht reicht, für den gibt es dazu ein Kapitel über ihr Privatleben, denn für Poddig beginnt die Revolution im Kleinen. Zum Beispiel, indem sie weggeworfene Nahrungsmittel aus Supermarkt-Containern isst. Und weil das Buch genauso ungewöhnlich ist wie die Autorin selbst, ist der Anhang mit nützlichen Tipps für ein widerständiges Leben gespickt – von Musik-Hinweisen bis zum Rezept für veganes Tiramisu.

Für Aktivisten und alle, die es mal werden wollen, ist das Buch also bestens geeignet. Aber auch für all diejenigen, die spektakulären und kreativen Protest bislang nur aus den Medien kennen.

Felix Werdermann

Originalquelle: neues-deutschland.de

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