Ungeliebte Wahlkampfhilfe

Das Bekanntwerden eines Strategiepapiers einer PR-Agentur für den Energieriesen E.on hat die Debatte um Lobbyismus und Auftragswerke wieder eröffnet. Und das, obwohl E.on bestreitet, das Papier bestellt zu haben und auch die Agentur sich inzwischen am liebsten von einigen Inhalten distanzieren würde.

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Das peinliche PR-Angebot, mit dem die Unternehmensberatung PRGS dem Stromkonzern E.on unter die Arme greifen wollte, schlägt weiter hohe Wellen: In dem Wahlkampf- und Öffentlichkeitsstrategiepapier »Kommunikationskonzept Kernenergie«, das am Mittwoch bekannt geworden war, wurde unter anderem vorgeschlagen, Ängste vor einer Importabhängigkeit von russischem Gas zu schüren. Und auch sonst werden allerlei Überlegungen sehr offen ausgesprochen. Wenige Tage vor der Bundestagswahl würden PRGS und E.on die Sache allerdings am liebsten vergessen.

Solch ein Papier habe der Konzern »nicht in Auftrag gegeben, nicht bezahlt und auch nicht umgesetzt«, sagt Petra Uhlmann von E.on Kernkraft gegenüber ND. Das sei alleine die Idee der Agentur gewesen. Nun ärgert sie sich über die »schädigende« Berichterstattung. Es sei »ärgerlich, dass wir in eine solche Geschichte mit reingezogen werden«. Das Internetmagazin »Spiegel Online« hatte am Mittwoch ausführlich aus dem Konzept zitiert.

Auch bei PRGS fürchtet man nun einen Imageschaden und ist bemüht, die Wogen zu glätten. Bei dem Konzept handle es sich bloß um eine »Ideensammlung«, mit der man an den Energiekonzern herangetreten sei. Danach sei die auch »ganz schnell weggebügelt« worden, so PRGS-Sprecher Thorsten Hofmann. »Beim Denken schießt man mal übers Ziel hinaus.« Zudem gebe es verschiedene Versionen, in der Endfassung sei Einiges gestrichen worden.

Eine über 100 Seiten dicke Variante hatte die Umweltschutzorganisation Greenpeace kürzlich im Internet veröffentlicht. Sie ist auf den 19. November 2008 datiert und beinhaltet einige bemerkenswerte Vorschläge: Die bestehende Importabhängigkeit von russischem Gas wird als »chancenreiches Thema« für eine Pro-Atom-Propaganda identifiziert. So könnten »historisch tradierte Ängste gegenüber Russland« geweckt werden. Außerdem solle E.on »den Schulterschluss zwischen Kernkraft und erneuerbaren Energien betonen« und so »die Front der Kernkraftgegner aufweichen«.

Generell rät die PR-Agentur zu einer defensiven Wahlkampfstrategie: Die »Thematisierung von Kernenergie« sei »nicht im Sinne von E.on Kernenergie, da hier das Thema nicht lösungsorientiert, sondern polemisch debattiert wird«. Auch eine eigene Pro-Atom-Kampagne der Energieunternehmen würde angesichts des Vertrauensverlusts »unglaubwürdig und kontraproduktiv wirken«.

Empfohlen wird stattdessen, Union und FDP mit »neuen Argumentationsansätzen« zu versorgen. Damit der stille Pro-Atom-Wahlkampf auch klappt, sind am Ende zahlreiche Befürworter der Risikotechnologie aufgeführt. Für die Handreichung sollen auch Abgeordnete und Mitarbeiter von CDU, SPD und Grünen ausgehorcht worden sein. »Selbstverständlich wurden diese Gespräche ohne Nennung E.ons und des Auftrags geführt«, beruhigt PRGS seinen möglichen Partner.

Heute heißt es hingegen, das Konzept sei kein Auftrag gewesen. Also nur ein Ausrutscher? »Wir wissen es nicht«, so Tobias Münchmeyer von Greenpeace. Es zeige aber, wie im »Dunstkreis« von PR-Agenturen Konzepte geschneidert würden. Und aus heiterem Himmel kam das »Angebot« wohl nicht: E.on hatte bereits erklärt, dass die PRGS schon für den Konzern tätig gewesen sei.

Felix Werdermann

Originalquelle: neues-deutschland.de

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