Schwaches Aktienjahr

Nach Einschätzung der Commerzbank haben langfristig orientierte Anleger nur wenig Freude. Eine Erhöhung der Leitzinsen wird erst zum Jahresende erwartet

Von Felix Werdermann

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BERLIN. 2010 wird nach Einschätzung der Commerzbank ein schwaches Aktienjahr. Über das gesamte Jahr hinweg seien die Aktienmärkte ein „Nullsummenspiel“, sagte gestern Chris-Oliver Schickentanz, der bei dem Kreditinstitut für die Kapitalmarktstrategie verantwortlich ist. Er gehe davon aus, dass der Aktienindex Dax zum Jahresende bei etwa 6 200 Punkten liege. Am Jahresanfang lag er knapp über der 6 000er-Marke.

Momentan steigen die Kurse zwar, doch nach Ansicht der Commerzbank könnte das schon bald vorbei sein: „Noch ein paar Wochen“ werde sich der Aufwärtstrend fortsetzen, schätzte Schickentanz. Danach folge der Wendepunkt: Die Konjunkturerholung und die guten Unternehmensbilanzen weichen Enttäuschungen und unerfüllten Gewinnerwartungen.

Für Anleger bedeute dies, dass sie „Gewähr bei Fuß stehen“ müssten und kurzfristig an- und verkaufen sollten. Damit fahre man besser, als alle Aktien das ganze Jahr über zu behalten, sagte Schickentanz.

Der Kapitalmarkt-Experte geht davon aus, dass die Leitzinsen in Europa und den USA bald wieder steigen werden. Die US-amerikanische Notenbank könnte noch im vierten Quartal diesen Jahres den Leitzinssatz von derzeit Null auf dann 0,5 Prozent erhöhen. Dieser Anstieg habe jedoch vor allem „symbolischen Charakter“, sagte Schickentanz.

USA stärker als Europa

Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte nach Einschätzung der Commerzbank dann Anfang 2011 nachziehen und den Leitzins von derzeit 1,0 Prozent anheben. Da eine Inflationsgefahr derzeit nicht absehbar sei, habe die EZB die Möglichkeit, mit der Leitzinserhöhung bis zum nächsten Jahr zu warten.

Dass Europa den Leitzins erst später erhöht als die Vereinigten Staaten, liege an dem geringeren Handlungsdruck. Der Zinssatz liegt hierzulande immer noch bei einem Prozent. Außerdem sei in Europa die Gefahr größer, mit einer Zinserhöhung die Konjunkturerholung abzuwürgen. Denn die Zukunftsaussichten sehen auf der anderen Seite des Atlantiks besser aus: Die Commerzbank sagt für die USA ein Wirtschaftswachstum von 2,8 Prozent im Jahr 2010 voraus. 2011 soll das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sogar um 3,0 Prozent steigen.

Im Euroraum liegen die Erwartungen mit 1,0 bis 1,3 Prozent Wachstum deutlich darunter. Deutschland kann sich den Schätzungen zufolge immerhin über eine Wachstumsrate zwischen 1,5 bis 1,8 Prozent freuen.

Die wahren Überflieger sind aber die Schwellenländer. In Indien und China könne die Wirtschaft um knapp zehn Prozent wachsen, so die Commerzbank. 2014 könnten in den sogenannten Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) bereits 29 Prozent und damit fast ein Drittel der Weltwirtschaftsleistung erbracht werden.

Die Commerzbank forderte zudem, die Europäische Union (EU) müsse dem hochverschuldeten Griechenland helfen. „Wenn man Griechenland jetzt fallen lässt, wäre das ein klarer Sieg für die Spekulanten“, sagte Schickentanz. Die Krise habe sich auch dadurch verschärft, dass auf die Zahlungsunfähigkeit des EU-Staates gewettet worden sei. Als mögliche Lösungen nannte er einen Europäischen Währungsfonds und vorzeitige EU-Zahlungen an Griechenland, die eigentlich für die nächsten Jahre geplant seien.

Originalquelle: berliner-zeitung.de

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