Der Job macht krank

Stress im Beruf schafft seelische Probleme – besonders in den Dienstleistungszentren Hamburg und Berlin

Von Felix Werdermann

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Den ganzen Tag am Hörer? Was Telefonflatrate-Anbieter als das Paradies auf Erden preisen, kann in der Realität Stress ohne Ende bedeuten. Das Callcenter ist längst zur Vorhalle des Krankenhauses mutiert – wer dort arbeitet, muss sich nicht nur mit unzufriedenen Kunden, sondern auch mit allerlei eigenen seelischen Leiden plagen. Callcenter-Mitarbeiter werden doppelt so oft psychisch krank wie der durchschnittliche Arbeitnehmer.

Das hektische Arbeiten, oft mit befristeten Arbeitsverträgen, in der Callcenter-Branche ist das ideale Beispiel für die moderne Arbeitswelt, die ins Visier der deutschen Psychotherapeuten geraten ist. Zu viel Stress, zu hohe Anforderungen, zu wenig Einfluss auf den Arbeitsablauf – besonders im Dienstleistungssektor erkranken immer mehr Menschen an seelischen Leiden, warnte die Bundespsychotherapeutenkammer gestern.

Die Psychologen haben die Daten der Krankenkassen ausgewertet. Ergebnis: Elf Prozent der Fehltage wurden 2008 von psychischen Leiden verursacht. Damit haben sich die Krankschreibungen wegen seelischer Probleme in den vergangenen Jahren fast verdoppelt. Besonders stark betroffen sind die post-industriellen Dienstleistungsmetropolen Hamburg und Berlin. In der Hauptstadt liegt die Zahl der Stresskranken 25 bis 40 Prozent über dem Durchschnitt, im Hamburg gar bis zu 60 Prozent.

Die psychisch Erkrankten bleiben auch überdurchschnittlich lange zu Hause. Im Durchschnitt werden sie für drei bis fünfeinhalb Wochen krankgeschrieben. Für Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, wird an der steigenden Zahl der Fehltage auch die tatsächliche Dimension psychischer Erkrankungen deutlich. Diese Krankheiten hätten Hausärzte jahrzehntelang übersehen oder nicht richtig diagnostiziert.

Besonders betroffen sind nach den Worten des Psychotherapeuten Arbeitnehmer, die ihre Arbeitsabläufe nur wenig beeinflussen können und zudem unter Erfolgsdruck stehen. Es werde Zeit, dass auch im Dienstleistungsbereich die Menschen die Möglichkeit haben, den Arbeitsprozess selbst zu kontrollieren, forderte Richter. In der Industrie seien die Fehltage zurückgegangen, seitdem die Arbeiter die Geschwindigkeit des Fließbands selbst bestimmen konnten. Daher müsse überlegt werden, wie viele Telefonate den Mitarbeitern im Callcenter zugemutet werden können.

Stress im Job ist das eine, doch gibt es auch ein Leben nach dem Büro. Entscheidend für das Krankheitsrisiko sei, so Richter, welchen Stellenwert ein Mensch der Arbeit in seinem Leben einräume. Angestellte, die in ihrer Partnerschaft oder einem Hobby große Erfüllung finden, leiden seltener unter Psycho-Stress.

Originalquelle: berliner-zeitung.de

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