Berliner tragen höchstes Überschuldungsrisiko

Vor allem Arbeitslose und Alleinerziehende können ihre Kredite oft nicht zurückzahlen

Von Felix Werdermann

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BERLIN. Nicht nur die Hauptstadt ist arm, sondern auch mancher Berliner. Viele können ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen. Zudem ist das Überschuldungsrisiko bundesweit in Berlin am höchsten, berichtete das Kreditauskunftsunternehmen Schufa. Laut dem gestern vorgestellten Kredit-Kompass 2010 ist die Gefahr, in absehbarer Zeit Schulden nicht mehr begleichen zu können, in Berlin „sehr stark ausgeprägt“. Ein Trend der nicht allein der Krise geschuldet ist, sondern schon länger anhält.

Grund für das schlechte Abschneiden der Hauptstädter ist oft deren Lebenssituation.

„Vermutlich liegt es an den schlechten Sozialdaten“, sagt Klaus Richter von der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Schuldner- und Insolvenzberatung. Insbesondere die hohe Arbeitslosigkeit wirke sich negativ aus. Mit 22,5 Prozent sei das die häufigste Überschuldungsursache. Auch die vielen Alleinerziehenden hätten besonders häufig Probleme, Geld zurückzuzahlen.

Die Beratungsstellen würden daher in Berlin oft genutzt. „Wir werden überrannt“, sagt Richter. Er forderte daher die Stadt auf auch in Zeiten knapper Kassen die Hilfsangebote nicht zu kürzen.

Jeder Achte mit Eintrag

Um das Überschuldungsrisiko der Deutschen messen zu können, hat die Schufa den Privatverschuldungsindex (PVI) entwickelt. Für Berlin liege dieser um 25 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Bereits jetzt sind viele Berliner in Zahlungsschwierigkeiten. Über jeden Achten hat die Schufa Negativinformationen gespeichert. Das sind fast doppelt so viele wie beispielsweise in Bayern.

Einen negativen Eintrag erhält etwa, wer geliehenes Geld zu spät oder überhaupt nicht zurückzahlt. Banken und Unternehmen können solche Fälle der Schufa melden. Gleichzeitig können sie auch auf die Schufa-Daten zugreifen, um die Kreditwürdigkeit von Kunden zu beurteilen.

Im Durchschnitt legen die Deutschen eine gute Zahlungsmoral an den Tag. Nur bei weniger als drei von hundert Ratenkrediten werde die Schuld nach Mahnungseingang immer noch nicht beglichen, heißt es im Report der Schufa. Junge Menschen sind dabei eher nachlässig. Je älter die Schuldner, desto geringer ist die Quote der ausgefallenen Kredite.

Ungewöhnlich ist, dass die Bundesbürger 2009 trotz Wirtschaftskrise mehr Kredite aufgenommen haben als im Vorjahr. 7,6 Millionen Kreditverträge wurden neu geschlossen, ein Zehntel mehr als noch im Vorjahr. Bei den meisten Konsumenten sei die Krise noch nicht angekommen, sagte Schufa-Vorstandschef Rainer Neumann.

Normalerweise leihen sich Privatpersonen laut Schufa in Krisenzeiten weniger Geld. Momentan sei daher ein „völlig antizyklisches Verhalten“ zu beobachten, sagte Neumann. Das große Interesse an Krediten liege nicht an finanziellen Nöten, vielmehr gäben die Bundesbürger mehr Geld für den Konsum aus. Insbesondere die Abwrackprämie für Altautos habe dazu beigetragen, dass im ersten Halbjahr 2009 deutlich mehr Schulden aufgenommen wurden als im Jahr zuvor. Auch für den Kauf von Computern und Fernsehern hätten sich Konsumenten Geld geliehen.

Vorgezogene Käufe könnten aber in diesem Jahr das Pendel wieder umschlagen lassen: Die Schufa rechnet damit, dass Privatpersonen 2010 wieder weniger Kredite nachfragen. Dass die Deutschen bei der Verschuldung eher zurückhaltend sind, zeigt auch eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach. „Kredite sind für die große Mehrheit nur für Sonderfälle im Leben akzeptabel“, sagte Thomas Petersen, Projektleiter am Allensbach-Institut. Zu diesen Ausnahmesituationen zähle vor allem der Kauf einer eigenen Wohnung oder die Anschaffung eines neuen Autos.

Wohlhabende seien jedoch eher bereit, Kredite aufzunehmen. „Dahinter steckt oft die stärkere Routine im Umgang mit großen Summen“, erklärte Petersen. Auch regional gebe es Unterschiede. Die ostdeutsche Bevölkerung nehme weniger Kredite auf, um monatliche Belastungen durch Zins- und Schuldenrückzahlungen gering zu halten. „Die Westdeutschen sind eher bereits, bis an die Grenze des Belastbaren zu gehen.“

Von der Wirtschaftskrise fühlen sich viele Bundesbürger nicht betroffen. Nur ein Drittel der Befragten gab an, ihr Leben habe sich aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage verändert. Die Deutschen standen 2009 nach Schufa-Angaben durchschnittlich mit 8 382 Euro in den Miesen. Im Jahr zuvor waren es noch 126 Euro mehr.

Originalquelle: berliner-zeitung.de

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