Die iPad-Alternative aus Berlin

Zum Start des iPad kündigt eine Softwarefirma aus der Hauptstadt ein Konkurrenzprodukt an

Von Felix Werdermann

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BERLIN. Auf dem Flur werden Umzugskisten geschleppt. Auf der fünften Etage wird bald wieder genug Platz sein, denn einige Mitarbeiter ziehen nach unten, in den zweiten Stock. Für sie geht es abwärts, weil es für das Unternehmen aufwärts geht: 170 Menschen arbeiten inzwischen für die Berliner IT-Firma Neofonie, Tendenz steigend. Früher reichte die Terrasse mit Blick auf die Universitätsklinik Charité noch für die Betriebsfeiern, heute müssen dafür eigens Räume angemietet werden.

In der Unternehmenszentrale am Robert-Koch-Platz entsteht die digitale Welt von morgen – zumindest ein Stück davon. Neueste Entwicklung: das WePad. Man könnte sagen: die deutsche Variante des iPads, das der US-Hersteller Apple soeben herausgebracht hat. Wie das iPad wird man diesen Computer durch das Berühren des Bildschirms bedienen. Im Internet sind zwar schon ein paar Bilder vom WePad zu sehen, der Öffentlichkeit wird es aber erst am 12. April vorgestellt.

Brücke in digitale Welt

Auf der einen Seite der kalifornische Weltkonzern, auf der anderen die kleine Berliner Software-Schmiede: So ungleich die Anbieter auch sind, das WePad wird in den einschlägigen Internet-Foren bereits mit dem Tablet PC aus den Vereinigten Staaten verglichen. Neofonie-Geschäftsführer Helmut Hoffer von Ankershoffen sagt allerdings, er wolle Apple keine Marktanteile wegnehmen. Vielmehr gehe es um eine „Markterweiterung“, also um neue und andere Kunden als sie die Marketingstrategen von Apple im Blick haben. Dazu zählt er zum Beispiel Menschen, die es noch gewohnt sind, eine auf Papier gedruckte Zeitung zu lesen. Für diese Zielgruppe könnte das WePad zur Brücke in die digitale Welt werden. Denn viele Druckerzeugnisse sollen demnächst auch auf dem WePad zu haben sein, die entsprechende Software mit dem Namen WeMagazine gibt es schon. Bekannt ist bislang nur, dass das Verlagshaus Gruner+Jahr sein Flaggschiff, das Wochenmagazin Stern, für das WePad anbieten wird. „Wir wollen aber natürlich nicht nur mit einem Verlag zusammenarbeiten“, sagt Hoffer von Ankershoffen.

Deswegen ist der Neofonie-Chef momentan auf Deutschland-Reise, besucht einen möglichen Kooperationspartner nach dem anderen, so auch die Kölner Mediengruppe M. DuMont Schauberg, zu der auch die Berliner Zeitung gehört. Sein Terminkalender ist so voll wie der eines Spitzenmanagers, selbst die Wartezeiten auf dem Bahnhof nutzt er, um wichtige Telefonate zu führen. Immer mit dabei: sein Vorzeige-WePad.

Viele gibt es davon noch nicht, die Massenproduktion muss erst noch anlaufen. Hoffer von Ankershoffen sagt aber, dass einige Unternehmen bereits „ein paar tausend“ Geräte vorbestellt hätten. Er träumt davon, dass Zeitungen und Magazine das WePad als Abo-Prämie anbieten. Privatpersonen könnten das Neofonie-Produkt „viel früher als erwartet, aber nicht im April“ kaufen. Spätestens im Sommer soll dann der WePad-Umsatz in die Höhe steigen: „Unser Ziel ist, dass es ein Volksgerät wird, ein Gerät für die breite Masse“, sagt Hoffer von Ankershoffen.

Auf dem WePad läuft das Betriebssystem Android, und anders als das iPad hat es eine Kamera, USB-Anschlüsse und ist kompatibel mit der Software Flash, mit der die meisten im Internet verfügbaren Videos abgespielt werden. Über 10 000 Fabrikate sollen alleine in diesem Jahr verkauft werden. Ob das gelingt, wird stark vom Preis abhängen. Das WePad werde billiger als das amerikanische Konkurrenz-Produkt, verspricht Neofonie. Möglich sei das, weil WePad-Bestandteile wie Display und Prozessor ohnehin bereits in großer Masse gefertigt werden, weil sie auch in vielen Laptops Verwendung finden.

Die Verlage hingegen sollen als Vorteil gegenüber Apple vor allem neue Freiheiten schätzen lernen. Viele sehen sich vom US-Unternehmen eingeschränkt, weil sie ihre Angebote für die Apple-Kunden erst vom Konzern genehmigen lassen müssen. Und Apple geht recht rigoros und ohne Warnung gegen Inhalte vor, die dem Unternehmen nicht zusagen. Die Anwendung (App) des Stern wurde wegen einiger erotischer Bilder kurzerhand aus dem App-Store gelöscht, Sex habe auf dem iPhone nichts zu suchen. Auch der Springer-Verlag erhielt für sein „Bild-Girl“ zunächst eine Abfuhr. Mit dieser Anwendung können iPhone-Nutzer durch Schütteln des Gerätes eine Frau auf ihrem Bildschirm schrittweise ausziehen. Nun behält die Dame den Bikini an. Nicht nur bei Springer sorgte der Eingriff der Apple-Zensoren für Empörung. „Heute sind es nackte Brüste, morgen womöglich redaktionelle Artikel“, beklagte die Onlineabteilung der Bild-Zeitung.

Freiheiten für Verlage

„Das ist ein Eingriff in die verlegerische Freiheit“, sagt auch Neofonie-Geschäftsführer Hoffer von Ankershoffen. Beim WePad komme so etwas nicht vor, man biete ein „verlegerfreundliches System“ an. Als Rebellion gegen Apple möchte er das WePad aber nicht verstanden wissen. Er selbst sei übrigens Fan von Apple. „Ich glaube aber, dass es Alternativen geben muss.“

Originalquelle: berliner-zeitung.de

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