Pillen für die Armen

Die Charité will Früchte der Arzneimittelforschung vom Profitstreben der Pharmafirmen abkoppeln. Kann das klappen?

von Felix Werdermann

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Private Gewinne oder öffentliche Verantwortung? In kaum einen Bereich ist diese Frage so heftig umstritten wie in der Gesundheitsversorgung. Schließlich geht es um das vielleicht kostbarste Gut des Menschen – und um Milliardenerlöse: Obwohl die medizinische Forschung noch immer zu rund 40 Prozent aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, wandert ein Großteil ihrer Ergebnisse an wenige Pharma-Unternehmen, die durch Patente den Preis für Medikamente in die Höhe treiben. Für Menschen in Entwicklungsländern sind die Arzneien dann oft unbezahlbar.

Das könnte sich nun ändern, falls eine Initiative des Berliner Universitätsklinikums Charité Karriere macht. Der Fakultätsrat des Uniklinikums hat eine Sozialklausel beschlossen, in der es heißt: „Die Forschungsergebnisse aus Drittmittelprojekten müssen für bedürftige Menschen zugänglich sein.“ Für die Vermarktung von Entwicklungen an Unternehmen sei zu berücksichtigen, dass auch Menschen „in Ländern geringerer Wirtschaftsleistung“ die „essentiellen Medikamente“ erhalten.

Stimmt die Berliner Senatsverwaltung der rechtlich unverbindlichen Klausel zu, dann muss sich allerdings erst ­zeigen, was sie bewirkt. Die Sprecherin der ­Charité sagt, man sei „ohnehin dem Gemeinwohl verpflichtet“. Insofern ändere sich nichts Grundlegendes. Julia Rappenecker von der internationalen Initiative UAEM (Universities Allied for ­Essential Medicines), die den Antrag vorbereitet hat, sieht das anders: Die neue Klausel sei zwar unverbindlich, habe aber eine „große Signalwirkung“. Sollte an der Charité ein vielversprechendes Medikament entwickelt werden, so habe man „eine bessere Startposition“, falls die Frage aufkomme, ob eine Entdeckung wie ein neuer Wirkstoff der Profitmaximierung geopfert wird. Denkbar sei dann zum Beispiel ein Vertrag zwischen Uni und Pharmaunternehmen, der festlegt, dass das Medikament in ärmeren Ländern billiger verkauft wird als in Industriestaaten. Gingen die Rechte komplett an ein Unternehmen, würden die Arzneien zu höheren Preisen verkauft.

Die Klausel als ein Anfang

In Deutschland markiert die Sozialklausel der Charité erst den Anfang im Kampf gegen die Kommerzialisierung der Forschung. In den USA ist das „Equitable Licensing“ dagegen schon weiterverbreitet. Das Philadelphia Consensus Statement etwa wurde von mehr als 2.500 Menschen, zumeist Professoren, unterzeichnet. Es fordert etwa, dass die Universitäten beim Verkauf ihrer Ergebnisse auf eine gewisse Erschwinglichkeit achten. Zu diesem Erfolg hat auch das Akademiker-Netzwerk UAEM beigetragen. Es ist seit kurzem auch in Deutschland vertreten. Und schon gibt es in Berlin den ersten großen Erfolg, alles ist wie am Schnürchen gelaufen. Initiatorin Rappenecker hatte sich bereits auf jede Menge kritischer Fragen eingestellt, erzählt sie – und war dann „total verwundert“, als der Antrag bloß abgenickt wurde. Vielleicht liegt es daran, dass er seine Durchsetzungskraft erst noch beweisen muss. Und dann sitzen nicht nur Professoren, Uni-Mitarbeiter und Studenten am Tisch, sondern auch die Pharma-Industrie.

Originalquelle: freitag.de

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