Wenn Politiker zu viel zwitschern

Um Meinung zu machen, schicken Lobbygruppen manipulierte Twitternachrichten. Nun ist es im Fall eines US-Republikaners aufgeflogen

von Felix Werdermann

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John Boehner, Chef der Republikaner im US-Repräsentantenhaus, freut sich über zwei große Fans. Karen und Marie, beide wohl 25, schwärmen für Boehner. Um ihrer Politiker-Vorliebe Ausdruck zu verleihen, nutzen sie den Kurznachrichtendienst Twitter und haben etwa 20.000 Mitteilungen verfasst – meist mit einem Link auf die Webseite von Boehner. Wer sich wirklich hinter „PeaceKaren_25“ und „HopeMarie_25“ versteckt, ist allerdings unklar. Sicher ist, dass hier mit Hilfe von Twitter politische Stimmungsmache betrieben wurde. Die einzelnen Nachrichten unterschieden sich kaum, sie wurden offenbar automatisch generiert.

Gezielte Netzwerkanalyse

Diese Methode hat mehrere Vorteile: Weil die Botschaft angeblich von verschiedenen Nutzern kommt – scheinbar unabhängig voneinander –, glaubt man ihr eher. Durch die Wiederholungen kann sie außerdem zum „Toptweet“ werden und erreicht damit viel mehr Menschen. Die Liste der Toptweets funktioniert als eine Art Stimmungsbarometer der Netzgemeinde. Nun wird sie von Interessengruppen gekapert: Wissenschaftler der Indiana University haben Beweise dafür gefunden, dass politische Kampagnen und Lobby-Gruppen in den USA zahllose falsche Accounts bei Twitter angelegt haben. Sie täuschen damit eine Graswurzelbewegung vor, während im Hintergrund eine Partei oder ein Konzern die Fäden zieht. So wie im Fall Karen und Marie: Die Forscher haben ihn durch gezielte Netzwerkanalyse aufgedeckt. Sie haben sämtliche Verbindungen zwischen Twitter-Nutzern zu einem Bild zusammengesetzt, das zeigt: Das Gezwitscher geht nur von einer kleinen, untereinander vernetzten Gruppe aus. Zwar kann die Software, die vor allem zur Untersuchung von Strukturen in sozialen Netzwerken genutzt wird, die Manipulationsgefahr nicht bannen. Aber sie kann aufschlüsseln, an welchen Stellen womöglich getrickst wurde.

Die Gegenseite dürfte nun noch trickreichere Methoden entwickeln, um unentdeckt zu bleiben. Bei Google sind ähnliche Probleme längst bekannt – und sie sind gelöst. Werbeexperten hatten schon früh tausende Internetseiten online gestellt, nur um auf eine Webseite zu verlinken, die bei den Google-Suchergebnissen an vorderster Stelle stehen sollte. Mittlerweile kann Google zwischen wertvollen und wertlosen Links unterscheiden, der Suchalgorithmus wurde angepasst. Twitter wird wohl eine ähnliche algorithmische Formel entwickeln müssen, damit wenigstens die Liste der Toptweets sauber bleibt. Wenn es die Methoden der Politiker schon nicht immer sind.

Originalquelle: freitag.de

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