Terrorgefahr – nur für AKW nicht?

Für Deutschland gilt von Seiten der Behörden schon seit Wochen eine Terrorwarnung. In dieser Zeit hat die Regierungskoalition eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke beschlossen – ohne dass die Betreiber diese künftig gegen Terroranschläge sichern müssen. Im Folgenden werden die sechs wichtigsten Fragen dazu beantwortet.

von Felix Werdermann

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Sind Atomkraftwerke gegen einen Flugzeugabsturz ausgelegt?
Als die ersten Atomkraftwerke in Deutschland gebaut wurden, dachte niemand an ein Szenario wie vom 11. September 2001. Später wurde ein versehentlicher Flugzeugabsturz in Betracht gezogen: Neue Anlagen mussten so gebaut werden, dass sie dem Aufprall eines Militärjets vom Typ Starfighter standhalten. Ab Mitte der 70er Jahre wurden die Anforderungen noch einmal verschärft: Nun mussten Neubauten den Absturz einer »Phantom RF-4 E« überstehen.

Passagiermaschinen unterscheiden sich allerdings deutlich von diesen Militärfliegern: Sie sind langsamer und wiegen mehr als zehn Mal so viel. Auch die mitgeführte Treibstoffmenge ist um ein Vielfaches höher – dies kann bei Bränden entscheidend sein.

Welche Meiler halten stand?
Nach den Anschlägen auf das »World Trade Center« hat das Bundesumweltministerium die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) beauftragt, »terroristische Flugzeugabsturzszenarien auf deutsche Kernkraftwerke« zu untersuchen. Die Studie wird geheim gehalten, um Terroristen keine Tipps zu geben. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse durch das Ministerium ist allerdings bekannt geworden. Demnach gibt es für alle Reaktoren Szenarien, in denen die »Beherrschung fraglich« ist. Im Klartext heißt das: Der GAU ist möglich. Während bei neueren Anlagen dafür große und schnelle Flugzeuge nötig sind, ist das beim Uralt-Reaktor Biblis B fast egal: In fast allen untersuchten Fällen sind die Experten hier unsicher, ob die Katastrophe abgewendet werden kann. Die Internationale Länderkommission Kerntechnik, die die Bundesländer Hessen, Baden-Württemberg und Bayern berät, kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Nur die Kraftwerke Lingen, Isar 2 und Neckarwestheim 2 würden einer Flugzeug-Attacke standhalten, heißt es in einem geheimen Gutachten aus dem Jahr 2002. »Bei allen anderen Kernkraftwerken ist bei einem Aufprall auf das Reaktorgebäude mit schweren bis katastrophalen Freisetzungen radioaktiver Stoffe zu rechnen.«

Was tun die AKW-Betreiber?
Die vier großen Energiekonzerne halten sich bedeckt. Zum Kraftwerk Isar 1 – in der GRS-Studie auf einem der hinteren Plätze – ist vom Betreiber E.on zu erfahren, es »würde einem Absturz von schnell fliegenden Militärmaschinen standhalten und hat damit im internationalen Vergleich einen hohen Sicherheitsstandard«. Trotzdem: »Entscheidend ist es, dafür zu sorgen, dass ein Flugzeug erst gar nicht als terroristische Waffe eingesetzt werden kann.« Sollte es doch dazu kommen, könnten Vernebelungsanlagen weiterhelfen, hoffen die Betreiber. Der entspreche Reaktor würde mit einer künstlichen Wolke überzogen, Piloten hätten es schwerer, ihr Ziel zu treffen. In Grohnde und Biblis sind Nebelwerfer bereits installiert, in Philippsburg soll es zum Jahreswechsel so weit sein. Für die Kraftwerksbetreiber ist das deutlich billiger als eine Verstärkung der Reaktorhülle. Ob das Einnebeln aber hilft, ist umstritten. Sobald ein Flugzeug von der vorgegebenen Route abweicht, bleiben oft nur noch wenige Minuten. Außerdem könnten Terrorpiloten den Weg auch mit Hilfe des GPS-Navigationssystems finden.

Welche anderen Maßnahmen können ergriffen werden?
Ursprünglich war geplant, dass die Bundeswehr entführte Flugzeuge abdrängen oder auch abschießen kann. Das entsprechende Gesetz wurde aber 2006 vom Bundesverfassungsgericht kassiert – der Staat dürfe keine unschuldigen Passagiere töten, so die Argumentation. Des Weiteren wurde eine Störung des GPS-Navigationssystems diskutiert. Die Idee hat sich aber bislang nicht durchgesetzt, weil in diesem Fall große Gebiete von der Störung betroffen wären – das könnte eine Gefahr für den normalen Flugverkehr darstellen.

Ein kurzfristiges Abschalten des Kraftwerks würde auch nicht viel nützen. Wegen der »Nachzerfallsleistung« muss der Reaktor noch längere Zeit gekühlt werden. Wird ein Kraftwerk allerdings dauerhaft stillgelegt, sähe dies anders aus.

Gibt es überhaupt Hinweise auf solch einen Terroranschlag?

Über konkrete Gefahren für Atommeiler ist nichts bekannt. Es gibt aber Indizien dafür, dass Terroristen mit dem Gedanken spielen. Im Untersuchungsbericht des US-Geheimdienstes CIA zum 11. September heißt es, die Attentäter hätten auch einen Anschlag auf ein Atomkraftwerk in Erwägung gezogen. Einer der Helfer in Deutschland, Mounir al-Motassadeq, hatte mit Kommilitonen der Technischen Universität Hamburg-Harburg das AKW Stade besucht, wie aus der Besucherliste hervorgeht. Und eine Anwohnerin des Pannenreaktors in Krümmel beobachtete kurz nach dem 11. September, wie Männer das Atomkraftwerk filmten. Zwei der Personen sollen sich im Umfeld der Hamburger »Terror-Schläfer« bewegt haben.

Gibt es bald höhere Sicherheitsauflagen für AKW-Betreiber?
Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) wollte im Zuge der Laufzeitverlängerungen einen stärkeren Schutz gegen Terrorangriffe vorschreiben. Laut dem Gesetzesentwurf seines Ministeriums sollten die AKW-Betreiber verpflichtet werden, innerhalb von zehn Jahren ihre Altanlagen nachzurüsten: »Der nunmehr in allen deutschen Kernkraftwerken zu verwirklichende Schutz entspricht einer Schutzwirkung nach dem heutigen Stand der neuesten, in Deutschland betriebenen Anlagen«, heißt es in dem Entwurf, der dem ND vorliegt. Nach dem Atomgipfel im Kanzleramt wurde diese Vorgabe gestrichen. Dort hatten sich Regierungsmitglieder mit Vertretern der Energieversorger getroffen. Herausgekommen ist ein Vertrag, der den Konzernen zusichert, für Nachrüstungen nicht mehr als 500 Millionen Euro pro Atomkraftwerk zu zahlen. Wirksamer Terrorschutz ist somit unwahrscheinlich.

Originalquelle: neues-deutschland.de

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1 Antwort auf “Terrorgefahr – nur für AKW nicht?”


  1. 1 Terrorgefahr – nur für AKW nicht? « Felix Werdermann Pingback am 15. Dezember 2010 um 11:11 Uhr
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