Musik à la carte

Beim Internet-Fernsehsender tape.tv kann man sich sein Video-Programm individuell zusammenbasteln

Von Felix Werdermann

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Gibt es etwas Schöneres als ein verregnetes Wochenende? Conrad Fritzsch kann sich dann zumindest über einen rasanten Anstieg der Nutzerzahlen freuen. „Wenn es sonntags regnet, brennen bei uns die Server“, sagt der Geschäftsführer des Berliner Internet-Fernsehsenders tape.tv. Tausende sehen sich dann im Internet die Musikvideos an. Früher gab es dafür MTV oder Viva, heute klicken viele auf www.tape.tv.

Der Vorteil: Im Netz kann sich jeder sein eigenes Musikprogramm zusammenstellen, und das ohne viel Aufwand. Das Internetfernsehen schaltet sich automatisch an, mit einem Mausklick kann man zum nächsten Lied springen oder ein Videoclip komplett aus dem Programm verbannen. Andersherum geht es auch: Wenn die Musik gefällt, braucht man bloß das Herzsymbol auszuwählen, in Zukunft kommen ähnliche Videos.

Künftig europaweites Angebot

Im Hintergrund läuft aber kein Riesenrechner, der das Musikverhalten bis ins Detail statistisch auswertet und dann eine automatische Songliste erstellt. Am anderen Ende des Internetkabels sitzen Menschen, die sich die Vorlieben ansehen und dann ein individualisiertes Programm zusammenstellen. Für tape.tv arbeiten 40 Leute, nicht nur Musikredakteure, auch Marketingexperten oder Internetspezialisten. Altersdurchschnitt: 27 Jahre. Bald will tape.tv nicht nur den deutschen Markt bedienen, sondern europaweit Online-Musikfernsehen anbieten. Für Österreich und die Schweiz gibt es schon ein eigenes Programm. Möglich macht das die Erfolgsgeschichte von tape.tv: Gegründet wurde das Unternehmen Mitte 2008, heute besuchen pro Monat 2,2 Millionen Menschen die Internetseite. Gemessen an Zuhörern und Zuschauern wächst die Firma derzeit um 20 Prozent – monatlich.

Allein mit Internetzugriffen lassen sich Mitarbeiter aber nicht bezahlen, das Geld wird hauptsächlich über Werbung eingespielt. Zwischen den Musikvideos laufen Werbeclips, aber auf die soll bald verzichtet werden. Dann gibt es nur noch das Werbeformat, das tape.tv selbst entwickelt hat: Die „360° Motion Ads“, bewegliche Internetbanner, die rund um das Musikvideo eingeblendet werden. Anfangs musste solche Werbung noch von tape.tv zusammengebastelt werden, schließlich war das Format den Werbekunden neu. Heute gibt es Nachahmer, was Geschäftsführer Conrad Fritzsch aber nicht stört: „Wir wollten das als Standard setzen und entwickeln wieder Neues.“

Etwas „neu denken“, das ist einer seiner Lieblingsbegriffe. Zum Beispiel wenn es um das Fernsehen geht. Das gehe nicht auf die individuellen Bedürfnisse ein. Auch die Musikindustrie müsse sich ändern: Schlecht gehe es der Branche nicht, „sie hat nur ihr Geschäftsmodell verloren – das Verkaufen von CDs“. Wenn man die Einfachheit des Fernsehens mit den Möglichkeiten des Internets kombiniert, dann kommt so etwas heraus wie tape.tv. „Wir wollen der Musik wieder eine visuelle Heimat geben“, sagt Fritzsch. Auch ein Lieblingssatz.

An dieser neuen Heimat arbeitet er, seit er vor zwei Jahren mit Stephanie Renner die Firma gegründet hat. Zuvor hatte er eine eigene Werbeagentur, glücklich wurde er dort aber nicht: „Ich habe gemerkt, das ich nur dann happy bin, wenn ich zu 100 Prozent dahinter stehen kann, und wenn mich meine Arbeit fordert und ausfüllt.“ Musik muss auf jeden Fall auch dabei sein.

Sie ist für ihn das, was für andere der Morgenkaffee ist: „Ich stehe um halb acht auf, setze mich an meinen Laptop und gucke mir zehn Minuten an, was bei uns läuft.“ 30 000 unterschiedliche Videos können bei tape.tv abgerufen werden. Und obwohl sie zu seiner Arbeit geworden sind, hat Fritzsch den Spaß daran noch nicht verloren.

Originalquelle: berliner-zeitung.de

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