Wissenschaftler gegen Atomkraft?

Professor Schluchter über einen neuen Internetaufruf / Prof. Wolfgang Schluchter, 67, leitet den Lehrstuhl für sozialwissenschaftliche Umweltfragen an der TU Cottbus

Interview: Felix Werdermann

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ND: Sie sind Initiator des Aufrufs »Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für den Ausstieg aus der Kernenergie«. Warum sollten gerade Professoren und Privatdozenten ihre Stimme erheben?

Schluchter: Ich habe nach der Atomkatastrophe in Japan mit vielen Kolleginnen und Kollegen gesprochen. Sie alle waren der Meinung, dass wir als Wissenschaftler das Gewicht unserer Stimmen nutzen sollten. Wir verstehen uns als Elite, ohne aber andere diskriminieren zu wollen. Hinterher kann jedenfalls niemand behaupten, die Wissenschaft hätte nichts gesagt.

Vor einer Woche haben bereits 306 Forscher einen offenen Brief an Angela Merkel geschrieben.

Der kam hauptsächlich von Wissenschaftlern am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme. Wir wollen den Kreis erweitern, bei uns sollen nicht nur die üblichen Verdächtigen unterschreiben. Man sieht auch schon, dass Professoren und Privatdozenten aus allen Fachrichtungen dabei sind – von Chemikern bis zu Soziologen.

Sollte sich die Wissenschaft nicht um Objektivität bemühen, statt sich in politische Fragen einzumischen?

Es gibt keine wertfreie Wissenschaft. Sie wäre dann auch wertlos, weil sie niemandem nützen würde. Wenn Forscher von sich behaupten, keine Interessen zu verfolgen, dann ist das bloß eine Schutzbehauptung.

Wird Ihr Aufruf die deutsche Atompolitik verändern?

Auf jeden Fall beeinflussen wir die Politik. Nach Fukushima hat die Bundeskanzlerin ihre Meinung um 180 Grad geändert. Wir wollen es ihr nicht so leicht machen, diese Meinung wieder zurückzudrehen.

Sie fordern den »schnellstmöglichen Ausstieg«. Warum nennen Sie im Aufruf kein konkretes Jahr?

Wir wollten uns nicht festlegen, auch weil es darüber unterschiedliche Ansichten gibt. Klar ist aber: Sowohl der rot-grüne Atomkompromiss als auch die Laufzeitverlängerungen gehören auf den Prüfstand. Der Ausstieg muss neu ausgehandelt werden. Das Ziel muss sein: so schnell wie möglich.

Ohne dass die Lichter ausgehen.

Es gibt keine Stromlücke. Wir haben riesige Überkapazitäten. Deutschland exportiert Strom ins Ausland, viele Kraftwerke stehen still und werden nur betrieben, wenn der Stromverbrauch einmal im Jahr besonders hoch ist oder ein anderes Kraftwerk ausfällt.

Am Dienstag wurde der Aufruf gestartet. Bis gestern Nachmittag kamen 250 Unterstützer hinzu. Mit wie vielen rechnen Sie noch?

Wie viele Menschen den Aufruf unterschreiben werden, kann ich nicht sagen. Mit Sicherheit aber mehr als 500. Das geht jetzt schlagartig, viele der Unterzeichner haben auch geschrieben, dass sie andere Kollegen auf die Aktion hinweisen wollen. Wir haben auch alle Hochschulen angeschrieben. Das wird ein Selbstläufer.

Warum sammeln Sie nur zwei Wochen lang Unterschriften?

Wir wollen sie der Bundesregierung und den Abgeordneten übergeben. Und die Entscheidung über die Zukunft der Atomenergie wird schon sehr bald fallen. Sonst hätte der Chef des Energiekonzerns RWE keine Klage gegen die Abschaltung des Atomkraftwerks Biblis eingereicht. Wenn in zwei Monaten das sogenannte Moratorium für die ältesten Reaktoren zu Ende geht, ist die Entscheidung über die deutsche Atompolitik schon längst gefallen.

Im Internet: www.wissenschaft-fuer-atomausstieg.de

Originalquelle: neues-deutschland.de

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