Mach mal langsamer

Bei Verdacht auf illegale Downloads wollen US-Internetanbieter die Nutzer erst warnen und danach die Netzgeschwindigkeit drosseln. Sie stärken damit auch sich selber

Von Felix Werdermann

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Die Internetverbindung ist zu langsam? Wer sich hierzulande darüber beschwert, sollte froh sein, nicht in den USA zu leben. Denn dort soll die Surfgeschwindigkeit noch mal gedrosselt werden – für all jene, die womöglich illegal Musik oder Videos aus dem Netz herunterladen. Auf eine solche Regelung haben sich nach jahrelangen Verhandlungen nun die großen US- Internetanbieter mit der Musik- und Filmindustrie geeinigt.

Bei Verdacht auf Urheberrechtsverletzung soll der Internetnutzer zunächst mehrere Warnungen erhalten – per Mail oder als Pop-Up. Erst nach dem vierten Mal wird das Internet lahm gelegt. Surfen in Zeitlupe soll aber weiter möglich bleiben. Das Internet werde nicht gekappt, betonen die beteiligten Unternehmen. Die kommerziellen Inhalteanbieter im Netz haben ein Interesse, dass die illegalen Downloads aufhören, die ihnen Milliardenverluste bescheren. Warum aber lassen sich auch die Internetprovider auf diesen Deal ein?

Bitte brave User

Erstens umgehen sie damit noch härtere Methoden. Wenn sie Nutzer vom Internet abschneiden müssten, wären sie nicht nur Kunden los – sie machten sich damit auch mehr als unbeliebt. Zweitens könnten die Provider in Zukunft verstärkt selbst kostenpflichtige Online-Inhalte anbieten, sie haben daher ein eigenes Interesse an braven Usern.

Auf eine mögliche Strafverfolgung wollen die großen Inhalteanbieter trotz der neuen Regelung nicht verzichten. Aber vielleicht wird das staatliche Abstrafen durch dieses Verfahren seltener, schließlich kommt das in der Öffentlichkeit nicht immer gut an. Die jetzt geplanten Warnungen sind jedenfalls deutlich angemessener als Drohungen mit Gefängnisstrafen – und sie setzen auf die Einsicht der Nutzer. Vielleicht erfahren durch das Zeitlupen-Internet einige Eltern auch erst, auf welchen Seiten sich ihre Kinder tummeln.

Problematisch ist allerdings, dass die Surfgeschwindigkeit gedrosselt wird, bevor gerichtlich festgestellt ist, ob tatsächlich gegen Urheberrechte verstoßen wurde. Der Verdacht allein reicht. Außerdem wird die neue Regelung nur jene treffen, die ab und zu Filme oder Musik herunterladen. Wer sich im Netz richtig gut auskennt, findet auch weiter Möglichkeiten, nicht erwischt zu werden. Und jene, die Raubkopien ins Netz stellen, sind von der Geschwindigkeitsdrosslung gar nicht betroffen.

Vielleicht sollten Film- und Musik- industrie doch endlich anerkennen, dass im Netz neue Geschäftsmodelle gefragt sind. Gab es da nicht mal einen Vorschlag mit einer GEZ-ähnlichen Kulturflatrate?

Originalquelle: freitag.de

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