Kaltreserve: Kohle oder Atom?

Bis Ende des Monats muss die Bundesnetzagentur die Entscheidung treffen: Welches Kraftwerk soll neu angefahren werden, um im Winter Stromengpässe zu vermeiden? Baden-Württemberg hat das Kohlekraftwerk in Mannheim vorgeschlagen. Aber auch ein stillgelegter Atomreaktor kommt grundsätzlich in Frage. Dass auf ein zusätzliches Kraftwerk ganz verzichtet wird, ist unwahrscheinlich.

Von Felix Werdermann

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Es ist wohl das kleinere Übel: Baden-Württemberg möchte verhindern, dass eines der acht vor kurzem stillgelegten Atomkraftwerke wieder angefahren wird und hat daher vorgeschlagen, ein altes Kohlekraftwerk zu reaktivieren. Dadurch soll vermieden werden, dass es in den kommenden Wintern 2011/2012 und 2012/2013 zu Stromengpässen kommt.

Mit dem schwarz-gelben Atomausstieg wurden acht Reaktoren stillgelegt. Das Gesetz hält aber eine Hintertür offen: Ein Reaktor darf womöglich noch bis März 2013 laufen, eine solche Entscheidung muss die Bundesnetzagentur bis Ende dieses Monats treffen. Die Agentur befürchtet, dass es zu Stromausfällen kommen könnte, wenn in wenigen Winterstunden viel geheizt wird und gleichzeitig keine Sonne scheint und wenig Wind weht. Auch die Betreiber der Übertragungsnetze haben davor gewarnt, Umweltschützer hielten das für übertrieben.

Die spannende Frage lautet nun, wie einem möglichen Engpass begegnet werden kann. Grundsätzlich sind vier Optionen vorstellbar: Das Reservekraftwerk könnte erstens ein Atomreaktor sein, zweitens könnte ein Kohle- oder Gaskraftwerk die mögliche Stromlücke schließen. Vielleicht könnte auch ein Zusammenschluss von verschiedenen erneuerbaren Anlagen die Funktion erfüllen. Als vierte Möglichkeit steht im Raum, dass die Stromnachfrage der Industrie in den betreffenenden Stunden gesenkt wird.

Ausstoß soll gleich bleiben

Derzeit läuft es auf die Frage hinaus: Atom- oder Kohlekraftwerk? Und weil fast niemand ein Weiterlaufen der Uralt-Reaktoren möchte, bemüht man sich um eine Alternative. Die Bundesnetzagentur hat letzte Woche Druck auf die Bundesländer gemacht, am Freitag kam aus Baden-Württemberg die Reaktion: Block 3 des Kohlekraftwerks Mannheim könne „als konventionelle Kaltreserve für Stromengpässe in Betracht gezogen werden“, teilte das grünengeführte Umweltministerium mit. Bis Oktober könne die entsprechende Genehmigung erteilt werden. Die Anlage hat eine Leistung von 220 Megawatt und ist 1966 erstmals in Betrieb gegangen.

Bislang produzieren in Mannheim vier Kraftwerksblöcke Strom, nun sollen es fünf werden. Trotzdem dürfe nicht mehr ausgestoßen werden als bisher, heißt es vom Ministerium. Deshalb würden die Emissionsobergrenzen für alle Blöcke abgesenkt. In Mannheim wird außerdem ein weiterer Block gebaut, bis zur Fertigstellung dürfte die Genehmigung für Block 3 aber schon wieder erloschen sein. Obwohl das Wiederanfahren nun genehmigt werden soll, möchte das Ministerium auch mit Bürgerinnen und Bürgern vor Ort über „ihre Fragen“ diskutieren.

Bei Umweltschützern kommt der Kohle-Vorschlag vergleichsweise gut an: Andre Baumann vom Naturschutzbund Baden-Württemberg sagte, „mit viel Bauchschmerzen“ könne er sich das Wiederanfahren des Kraftwerks in Mannheim vorstellen. Auch die grüne Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl begrüßte, „dass es nicht zum Unsinn einer atomaren Kaltreserve kommt“.

Atomkraftwerke sind zu unflexibel

Im Gespräch waren vor allem die Reaktoren Biblis B, Neckarwestheim 1, Philippsburg 1 und Isar 1 – wegen ihrer Lage im Süden Deutschlands. Die drei zuständigen Landesregierungen sprechen sich jedoch dagegen aus: Nicht nur Grün-Rot in Baden-Württemberg, sondern auch Schwarz-Gelb in Hessen und Bayern.

Atomreaktoren eignen sich auch nicht als Reservekraftwerke, weil sie nicht bei kurzfristigen Ausfällen einspringen können. Das Wiederanfahren kann mehrere Tage dauern. „Aus wirtschaftlichen und technischen Gründen ist es kaum zu erwarten, dass die Bundesnetzagnetur ein Atomkraftwerk vorschlägt“, sagt Felix Matthes vom Öko-Institut gegenüber Zeit Online.

Laut Bundesregierung würde ein Reserve-AKW ungefähr 50 Millionen Euro im Jahr kosten. Letztlich müssten das die Verbraucher zahlen. Denn die Kosten, die beim Kraftwerk anfallen, müssen vom Betreiber des Stromnetzes übernommen werden. Und der wird es über das Netzentgelt an die Stromkunden weiterreichen.

Stromsparen reicht angeblich nicht

Dass der Kraftwerksbetreiber mit dem Reservebetrieb Gewinne macht, hält die Bundesregierung für unwahrscheinlich: Sie schreibt in einer Antwort auf eine Grünen-Anfrage zwar von einer „angemessenen Vergütung“, es gehe jedoch nur um die „Zusatzkosten“ gegenüber der Stilllegung.

Die Bundesregierung hält außerdem für unwahrscheinlich, dass auf ein Reservekraftwerk verzichtet werden kann, wenn die Industrie zu entsprechenden Zeiten ihren Verbrauch reduziert. Das Einsparpotenzial dürfte „nach derzeitigem Stand der Prüfung nicht ausreichen“. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte in einer Studie vorgeschlagen, auf die Kaltreserve zu verzichten.

Originalquelle: klimaretter.info

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