Die graue Eminenz

Werner Rätz bereitet die Blockupy-Proteste in Frankfurt mit vor. Der 61-Jährige hat sein Leben der Politik verschrieben. Bei Attac gehört er zu den Radikalen, aber er kann mit allen

Von Felix Werdermann

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Er war bei der CDU und beim Kommunistischen Bund. Er liest die Bibel und Karl Marx. Er bezeichnet sich als Christ und Linksradikaler. Werner Rätz gehört zu den Organisatoren der Blockupy-Proteste in Frankfurt. Der 61-Jährige ist in den sozialen Bewegungen eine Art Promi, bekannt geworden durch sein Engagement beim globalisierungskritischen Netzwerk Attac. In Wirklichkeit ist er schon seit mehr als 40 Jahren aktiv, war fast überall dabei – von der Friedensbewegung bis zur Lateinamerika-Solidarität. Und jetzt bei Blockupy.

Im vergangenen Jahr kamen rund 30.000 Menschen nach Frankfurt, um gegen die europäische Krisenpolitik zu protestieren. Diesmal sollen es am ersten Juni-Wochenende zumindest 20.000 werden. Aber lässt sich der Erfolg einfach so wiederholen?

Gegen die Vier-Parteien-Koalition

An der Mobilisierung im vergangenen Jahr hatte auch die Stadt Frankfurt mitgewirkt. Die geplanten Blockaden der Europäischen Zentralbank hatte die Verwaltung verboten und durch riesige Sperrzonen die gesamte Innenstadt lahmgelegt. Das sorgte für Aufmerksamkeit in den Medien und mobilisierte nicht nur Sozialaktivisten, sondern auch Bürgerrechtler. Die Großdemonstration wurde letztlich vom Frankfurter Verwaltungsgericht erlaubt.

Nur: Das inhaltliche Anliegen der Demonstranten ist dadurch in den Hintergrund gerückt. „Wir wollten zeigen, dass es auch in Deutschland Streit über die Krisenpolitik gibt“, sagt Werner Rätz heute. „Das haben wir nicht geschafft.“

Die Ausgangsbedingungen sind dafür auch in diesem Jahr nicht so gut: Im Bundestag regiert eine große Vier-Parteien-Koalition. Union und FDP fahren den Sparkurs von Angela Merkel, die SPD will sich für eine künftige Regierung empfehlen und widerspricht deshalb lieber nicht. Die Grünen tragen die Euro-Entscheidungen aus einer falsch verstandenen Europafreundlichkeit mit, und die Linke wird in Euro-Fragen von der Öffentlichkeit noch stärker ignoriert als in anderen Politikfeldern. Auch die Gewerkschaften sind in ihrer Kritik bislang eher zurückhaltend, die Blockupy-Proteste unterstützen zum Beispiel nur einzelne, kleinere Gliederungen.

Abstrakte Krise, konkrete Auswirkungen

Es gibt aber noch ein weiteres Problem bei der Mobilisierung: Das Thema ist sehr abstrakt. „Die Finanzkrise hat ohne Ende konkrete Auswirkungen, aber diese werden nicht immer als Ausdruck der Krise wahrgenommen“, sagt Werner Rätz. Deshalb müsse vor allem „Aufklärungsarbeit“ geleistet werden. In 15 Minuten lasse sich den Leuten sehr gut erklären, weshalb sie persönlich betroffen sind.

Das geht dann so: Der Fiskalpakt schreibt allen Ländern vor, dass ihr Haushaltsdefizit nicht 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts überschreiten darf. Anders als bei der Schuldenbremse im Grundgesetz bezieht sich der Fiskalpakt nicht nur auf den Bundeshaushalt, sondern zum Beispiel auch auf Kommunen. „Die Städte streichen dann freiwillige Leistungen – mit Verweis auf den Fiskalpakt“, sagt Rätz. Und dann sagt er etwas, das alleine durch die Wortwahl schon ahnen lässt, in welchem politischen Spektrum er zu Hause ist: „Dieser Vertrag muss offensiv gebrochen werden.“

Gegenpart zu den Realos

Werner Rätz, weißer Rauschebart und lange Haare, bezeichnet sich als „radikaler Linker“. Im Jahr 2000 hat er Attac mitgegründet, war im Koordinierungskreis stets der Gegenpart zu den prominenten Realos Sven Giegold und Peter Wahl – bis die drei sich gemeinsam entschlossen, im Jahr 2007 zurückzutreten und für eine jüngere Generation Platz zu machen.

Der Flügelkampf bei Attac ging weiter und zeigt sich heute etwa daran, dass Attac offiziell im Umfairteilen-Bündnis mit Wohlfahrtsverbänden und Parteien zusammenarbeitet, dass sich gleichzeitig aber auch einige Attac-Gruppen und Aktivisten an den radikaleren Blockupy-Protesten beteiligen – zusammen mit vielen Gruppen, die sich klar antikapitalistisch positionieren. Werner Rätz spricht von Attac als „Bindeglied“ und findet beide Bündnisse wichtig. Er will die Proteste radikalisieren und „den Menschen ein Angebot geben, ein kleines Stück weiterzugehen, als sie es bisher machen“. Dazu sei es gut, wenn Attac zu allen Gruppen Kontakt halte.

Integrator der Bewegung

Selbst der emeritierte Politikprofessor und Sozialaktivist Peter Grottian – der Attac gern als nicht radikal genug kritisiert – bescheinigt Werner Rätz große Verdienste. Rätz sei „jemand, der Radikale und weniger Radikale zusammenbringt“, sagt Grottian. „In seinen Integrationsleistungen ist er ein großer Meister.“

Beispiel G8-Proteste im Jahr 2007: Als es bei der Großdemonstration zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und schwarzem Block kam, distanzierte sich Rätz zwar von der Gewalt und entschuldigte sich bei der Bevölkerung, war aber auch dagegen, Autonome von Demonstrationen auszuschließen – anders als Peter Wahl, der sich mit seinem Ausgrenzungsvorschlag gleich die Kritik vieler linksradikaler Gruppen einhandelte.

Von der Jungen Union zum Kommunismus

Womöglich lassen sich die Integrationsleistungen von Rätz damit erklären, dass er noch nie Berührungsängste hatte. Mit 16 Jahren ist er in die Junge Union eingetreten, weil es in dem Dorf Loogh in der Eifel – damals mit 72 Einwohnern – keine wirkliche Alternative gab. „Politik spielte sich innerhalb der CDU ab“, sagt Rätz. Er versuchte, seine linken Positionen in der Partei durchzusetzen.

Als er dann zum Studium der Politischen Wissenschaft, Philosophie und Geschichte nach Bonn ging, hat er schnell gemerkt, dass für seine Ansichten in der Union kein Platz war. Er machte stattdessen Solidaritätsarbeit für Lateinamerika, engagierte sich im Kommunistischen Bund und war in der Friedensbewegung aktiv. Die großen Demos in Bonn hat er mitorganisiert und teilweise auch angemeldet. In den Achtzigern war er für wenige Monate bei den Grünen und um das Jahr 1990 bei der PDS. Heute ist er überzeugt: Wirkliche Veränderungen entstehen nur außerhalb des Parlaments.

Mit der Kirche hat er nicht viel zu tun gehabt, aber die Auseinandersetzung mit der Bibel fand der Altkatholik schon immer spannend. Die Bibel interpretiere Geschichte als einen „zu Emanzipation und Freiheit zielenden Prozess“.

Ein Leben für die Politik

Trotz abgeschlossenen Studiums hat sich Rätz mit Gelegenheit-Jobs durchs Leben geschlagen. Ziel war immer „möglichst großer Freiraum für politisches Engagement“, sagt er. Und so hat er Zeitungen ausgetragen, arbeitete als Pförtner und Telefonist, als Hilfsarbeiter in einer Lackiererei und einer Druckerei und später als Koch. Zwischenzeitlich war er Hausmann und hat vier Kinder großgezogen, die sind inzwischen aus dem Haus.

Heute reist er als Referent von Bonn aus durch die ganze Republik. Pro Monat hält er drei bis zehn Vorträge, oft zum Grundeinkommen, als dessen Verfechter er sich einen Namen gemacht hat. Daneben verdient er Geld als Autor. Reicht das zum Leben? „Ich habe keine teuren Hobbys, kein Auto und fliege auch nicht in den Urlaub“, sagt Rätz. Dafür hat er genug Zeit – zum Beispiel für Blockupy.

Originalquelle: freitag.de

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