Auf keinen Fall Argumente

Wer ist der größte Populist Deutschlands? Satire-Gruppen verleihen einen Negativpreis: den „Goldenen Föhn“. Aber wer kann darüber lachen?

Von Felix Werdermann

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Es ist nicht leicht, zwischen populär und populistisch zu unterscheiden. Es geht dabei um Politik und eine wie auch immer geartete „Nähe zum Volk“. Ist sie gut, ist sie schlecht? Man sollte meinen, dass man eine Antwort bekommt bei der Verleihung des „ersten Populismus-Award Deutschlands“. Doch die Organisatoren, verschiedene Satire-Gruppen, nutzen die Veranstaltung eher zum gegenseitigen Kennenlernen, zum Austauschen und zur Selbstbespaßung. Was Populismus ist, weiß man am Ende des Abends nicht – dafür aber, wie einfach Satire sein kann: Ein paar Politiker-Zitate vorlesen und schon lacht das Publikum.

Die Satiriker sind bei der Preisverleihung weitgehend unter sich. Rund 40 Leute sind gekommen, die meisten selbst in einer der Gruppen aktiv, die diesen Abend veranstalten. Die Gala-Gäste sind jung, auffallend seriös gekleidet und irgendwie links, wie man den paar ernsthaften Gesprächen entnehmen kann. Ob der Normalbürger ihren Humor auch so lustig finden würde?

Dem Keller der Kneipe Kiki Sol in Berlin-Wedding fehlen die Fenster, hier im Schummrig-Dunkeln wird normalerweise Jazz gespielt. An diesem Freitagabend ist die Bühne etwas kleiner, ein Beamer wirft das Bild eines goldenen Föhns an die Wand. Das Original steht etwas unauffällig auf einer Lautsprecherbox am Rand, angestrahlt von einer schwachen Lampe.

Gala als Wahlkampf-Event

Der „Goldene Föhn“, um diese Trophäe geht es. Ein Symbol für Populismus zu finden sei nicht leicht gewesen, sagt Florian André Unterberger, der Initiator der Auszeichnung. Aber „heiße Luft“, das treffe das Thema.

Und wenn sich die Satiriker schon für den Föhn entschieden haben, fallen ihnen jede Menge anderer Bilder ein: Sie suchen „den aufgeblasensten Populisten“, die „windigsten Hohlphrasen“ und den „größten Dampfplauderer des Jahres“. Der Sieger bekommt 08,15 Euro und den Föhn, ein Unikat natürlich – hergestellt „in mühevoller Handarbeit von unbezahlten Kindern in Fernost“, wie Peter Mendelsohn anmerkt.

Er muss es wissen, denn Mendelsohn ist der Mann für die Finanzen. Er stellt sich vor als Bundesschatzmeister der „Hintnerjugend“, das ist die Nachwuchsorganisation von Martin Sonneborns PARTEI. Die Hintnerjugend gehört zu den Organisatoren der Preisverleihung; mit dabei sind außerdem der ziemlich reichweitenstarke Satire-Blog Der Postillon, der Online-Shop revolutiondrinks.com sowie die NPD-Satireorganisation „Front Deutscher Äpfel“.

Jede Gruppe hat ihre eigenen Sympathisanten mitgebracht. Schon vor der Gala stehen sie in kleinen Grüppchen vor der Theke und machen in ihren Gesprächen auf lustig. „Ohne Schießbefehl kann ich das nicht ernst nehmen“, witzelt einer, wohl von der Front Deutscher Äpfel. Die PARTEI-Soldaten hingegen sind mit ihren Klemmbrettern unterwegs, sammeln Unterschriften, damit sie zur kommenden Europawahl antreten dürfen. Preisverleihung als Wahlkampf-Veranstaltung.

Der offizielle Teil der Veranstaltung dreht sich vor allem um konservative Politiker. Zehn Personen sind nominiert, von Bernd Lucke bis Angela Merkel, ausgewählt von der Jury. Jeder Bürger durfte Bewerbungen einreichen. Die Kriterien bleiben unklar, auf der Internetseite sind zwölf Populismus-Merkmale aufgezählt: vom simplen Weltbild über die Ansprache von Gefühlen bis zu unrealistischen Versprechen.

Initiator Unterberger macht sich nicht mal die Mühe, alle Punkte vorzutragen. Wodurch zeichnet sich ein Populist aus? „Auf keinen Fall Argumente.“ Das Publikum lacht, die Siegerehrung kann beginnen.

Bis zur letzten Patrone

Peter Mendelsohn führt dabei durch das Programm. Und weil es so schwierig ist, eine witzige Auszeichnung ernsthaft zu begründen, trägt er einfach die Original-Aussagen der Preisträger vor. Real-Satire ist eben immer noch die beste Satire. Damit die Zuhörer darüber lachen können, müssen jedoch zwei Bedingungen gegeben sein. Erstens: Sie sind links und halten die Forderung konservativer Politiker nicht für das Normalste der Welt. Zweitens: Sie sind links und lassen sich ihren Spaß durch den Ernst der Themen nicht nehmen.

Also los! Alexander Dobrindt von der CSU: „Diejenigen, die gestern gegen Kernenergie, heute gegen Stuttgart 21 demonstrieren, agitieren, die müssen sich auch nicht wundern, wenn sie übermorgen irgendwann ein Minarett im Garten stehen haben.“ Kommentar Mendelsohn: „Das darf man in Bayern öffentlich sagen – ohne, dass man dafür ausgelacht wird.“

Merkel antwortete auf die Frage, wer im TV-Wahlkampfduell gewonnen hat: „Ich glaube, Deutschland hat gewonnen, weil es gut ist, dass sich die Menschen ein Urteil bilden können.“ Kommentar Mendelsohn: „Das könnten wir von der PARTEI nicht hohler formulieren.“

Der preiswürdige Franz-Josef Wagner von Bild schrieb: „Lieber Edward Snowden, darf ich Ihnen erklären, warum Sie kein Asyl in Deutschland bekommen. Sie bekommen kein Asyl, weil wir Amerika sind. Wir sind es, seit Amerika uns vor den Nazis befreit hat. Ja, vielleicht sind Sie der Gandhi des Internets, der Lech Walesa des Netzes. Aber ich liebe Amerika. Die Musicals. Elvis. Miami, New York.“

Und was verbindet Dobrindt, Merkel und Wagner? Die Zusammenstellung der Gewinner spiegelt die unklare Populismus-Definition.

Der erste Preis geht an den „Innenpudel“ Hans-Peter Friedrich von der CSU. Gleich ein halbes Dutzend Zitate wird aufgefahren, um seinen Populismus zu belegen. Ausschlaggebend war seine Forderung, kurz nach der Lampedusa-Katastrophe, härter gegen Armutseinwanderung vorzugehen. Kommentar Mendelsohn: „Was härtere Mittel sind als Leute im Mittelmeer ertrinken zu lassen, erschließt sich mir nicht.“

Da hätte Horst Seehofer noch eine Idee. Die stammt allerdings schon aus dem Jahr 2011 und konnte dem CSU-Chef daher nicht zum Goldenen Föhn verhelfen: „Wir werden uns gegen Zuwanderung ins deutsche Sozialsystem wehren – bis zur letzten Patrone.“

Originalquelle: freitag.de

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