Was in der Lanz-Petition fehlt

Zehntausende Bürger unterschreiben gegen den ZDF-Moderator Markus Lanz. Die Petition trifft aber nicht den Kern des Problems: die Linksparteiphobie deutscher Journalisten

Von Felix Werdermann

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Eine Welle der Empörung schwappt durch Deutschland: Mehr als 170.000 Menschen haben mittlerweile gegen den ZDF-Fernsehmoderator Markus Lanz unterschrieben. Man muss sich die Dimension verdeutlichen: Als Susanne Wiest vor wenigen Jahren eine Bundestags-Petition für ein bedingungsloses Grundeinkommen startete, unterschrieben 52.000 Menschen – damals war das ein Riesen-Erfolg und ging durch alle Medien.

Nun also ist Markus Lanz der Buhmann der Nation. Und warum? Weil er die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht unhöflich behandelt hat. Man könnte auch sagen: Er hat sich unglaublich daneben benommen.

Trotzdem trifft die Petition nicht den Kern des Problems: die Linksparteiphobie der meisten deutschen Journalisten. Was soll es bringen, wenn Lanz den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verlassen muss? Es gibt genügend andere Journalisten, die die Linkspartei ebenfalls für „populistisch“ halten – sie sagen es bloß nicht so offen wie Lanz. Und sie stellen sich nicht so dumm an. Lanz hat mit seiner Sendung nämlich der Linkspartei einige Sympathiepunkte gebracht – weil Wagenknecht im Vergleich zu ihm wunderbar souverän aussah.

Ein Blick auf die Zahlen

In diesem Extremfall konnte die Linkspartei profitieren, im politischen Alltag sieht es anders aus. Man muss weder Verschwörungstheoretiker noch Fan der Linkspartei sein, ein Blick auf die nackten Zahlen reicht völlig, um zu erkennen, dass im Fernsehen die Parteien ungleich behandelt werden.

Das Kölner Institut für empirische Medienforschung untersucht Monat für Monat, welche Parteien wie oft in den Nachrichtensendungen vorkommen. Und Monat für Monat liegt die Linkspartei ganz weit hinten – nicht nur hinter den Regierungsparteien, die mit ihren Ministern verständlicherweise öfter zu Wort kommen, sondern auch hinter den Grünen, die von den Journalisten offenbar für die bessere Opposition gehalten werden. Obwohl die Linkspartei, seit es sie gibt, bei den Bundestagswahlen besser abschneidet.

Wenn die Linken sich mit negativen Schlagzeilen herumschlagen müssen, vermuten sie dahinter häufig eine Medienkampagne. Das ist natürlich Quatsch. Niemand – außer vielleicht der Bild-Zeitung – macht gezielt Stimmung gegen die Linkspartei, und Absprachen zwischen verschiedenen Medienhäusern zum kollektiven Linkspartei-Bashing gibt es auch nicht. Die meisten Journalisten stehen einfach persönlich anderen Parteien näher. Und diejenigen, die mit der Linkspartei sympathisieren, trauen sich oft nicht, dagegen anzuschreiben – außer vielleicht beim neuen deutschland.

Medienkritik? Ja bitte!

Und jetzt? Äußern zwar einige Journalisten auch Kritik an Lanz – was angesichts seiner Entgleisungen auch nur schwer zu vermeiden ist. Zugleich gehört es aber offenbar zum guten Ton, die Lanz-Kritiker im Netz als durchgeknallte Spinner darzustellen. Bei Spiegel Online ist etwa zu lesen vom „fröhlichen Vernichtungswillen einer „Netzgemeinde“, die sich allesamt an der virtuellen Macht ihrer zum Shitstorm gebündelten Ressentiments erfreuen“.

Überzogene und unpassende Kritik gibt es immer. Die Petition allerdings – und nur sie wurde zehntausendfach unterschrieben – ist in einem zwar meinungsstarken, aber akzeptablen Ton gehalten.

Ist es überhaupt legitim, per Petition die Absetzung eines Moderators zu fordern? Ob ein Ende der Sendung die passende Reaktion des ZDFs wäre, sollte man vielleicht nochmal diskutieren – aber die Petition ist ohnehin rechtlich unverbindlich. Grundsätzlich jedoch ist es richtig, dass sich die Bürger in die Programmgestaltung einmischen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird von den Bürgern finanziert, die Medien stellen die vierte Gewalt dar. Warum sollten die Medien ein demokratiefreier Ort sein?

Wenn Markus Lanz dazu beigetragen hat, dass sich einige Bürger nun mit solchen Fragen auseinandersetzen – dann hat er mit seiner Sendung schon viel erreicht.

Originalquelle: freitag.de

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3 Antworten auf “Was in der Lanz-Petition fehlt”


  1. 1 Tanja Wesselmann 25. Januar 2014 um 18:46 Uhr

    Lieber Herr Werdermann,
    bei allem Respekt vor Ihrer Argumentation: ist es Ihnen aufgefallen, dass in der Sendung mit Frau Wagenknecht die beiden Herrn Lanz und Jörges verbal rüde auf sie eingedroschen haben – auf die einzige Frau in einer kompletten Herrenrunde? Flegelhaft und respektlos, ohne jede Intervention der anderen Herren? Und dass die systematische Marginalisierung der Hälfte der Bevölkerung, der Frauen, ein Markenzeichen der Gästelisten auch bei Jauch, Plasberg und Co. darstellt? Dass wir auch dort, wenn überhaupt, fast immer nur eine einzige Frau bei den Schlipsrunden sehen dürfen? Die dann auch noch gerne, wie bei Lanz, gefragt wird, was sie „erregt“? Frauen, die dann auch, wie bei Jauch, Blondinenwitze zu ertragen haben (bei RTL)? Die einfach nur als Randfiguren und Zielscheibe sexueller Anspielungen abgestempelt werden, was bei Frau Wagenknecht nicht funktionierte? Der Frauenanteil der Gästeliste bei Jauch liegt unter einem Drittel seit Beginn dieser Sendung laut Auskunft des NDR, bei Lanz dürfte er sogar noch niedriger sein. Aber Frauendiskriminierung, Sexismus und Machoallüren stehen nicht im Programmauftrag! Warum sollten Frauen dafür zahlen müssen?

  2. 2 Lanz Wagen 25. Januar 2014 um 18:57 Uhr

    Sehr gut bemerkt. Es ist nicht würdig Petitionsunterzeichner in die Ecke zu stellen. Vor allem kann man dann nicht auch gleichzeitig kritisieren, dass einige anonym unterschreiben. Das entspricht ja genau der Hetze die man so weinerlich beklagt.
    .
    Nicht zuletzt sollte bemerkt werden, dass was treue Lanz-Freunde gerade beklagen genau das Idealziel von Lanz selbst war als er sich mit seinen treuen Freund aus der Journalismus Gosse verbündet hat um Verbal auf eine Frau einzuschlagen.
    .
    Das ist übrigens (IMHO) wieso die Petition zu recht so erfolgreich ist.

  3. 3 felixwerdermann 25. Januar 2014 um 19:18 Uhr

    Sehr geehrte Frau Wesselmann,
    mir ist auch aufgefallen, dass es sich gegen die einzige Frau in der Runde gerichtet hat. Trotzdem glaube ich, dass in diesem konkreten Fall die Zugehörigkeit zur Linkspartei einen stärkeren Ausschlag gegeben hat als die Tatsache, dass sie eine Frau ist. Trotzdem kann man sich natürlich vorstellen, dass die Talkshow mit Gregor Gysi anders ausgesehen hätte.

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