Der Mann als Opfer

Ein Kurzfilm im Internet zeigt eine Welt, in der die Rollen von Männern und Frauen vertauscht sind. Die Idee ist genial einfach, aber das Video hat auch Schwächen

Von Felix Werdermann

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Darf man sich über einen Vergewaltigungs-Film freuen? Sex and Crime läuft auch im Internet gut, bei YouTube wurde nun der elfminütige Kurzfilm Majorité Opprimée (auf Deutsch: Unterdrückte Mehrheit) innerhalb weniger Tage mehr als sechs Millionen Mal gesehen. Er ist ein Netzhit, aber einer mit politisch-aufklärerischem Anspruch. Er hält der patriarchalen Gesellschaft den Spiegel vor, indem Regisseurin Éléonore Pourriat eine verkehrte Welt zeichnet.

Man sieht Pierre, der sein Kind in die Kita bringt. Er trifft eine Joggerin mit nacktem Oberkörper, dann eine betrunkene Frau am Straßenrand, die ihn zum Oralsex auffordert. „Denkst du, ich sehe nicht, wie du mit deinem Arsch vor meinem Gesicht wackelst?“ Später machen ihn vier junge Frauen an, ärgern sich über seine Widerworte und beißen ihn in einer Seitengasse in sein empfindlichstes Teil. Die Polizistin, die seine Anzeige aufnimmt, äußert offen Zweifel: „Am hellichten Tag und keine Zeugen … komisch, oder?“ Aber die Reaktion von Pierres Frau toppt das noch: „Guck dir doch mal an, wie du dich anziehst!“ Kurzes Hemd, Flipflops, kurze Hose – kein Wunder also, selbst schuld.

Der Rollentausch als tragende Idee des Kurzfilms klingt zunächst relativ simpel. Doch wer den Film gesehen hat, erkennt: Die Idee ist genial einfach und deswegen einfach genial. Seltsam, dass vorher noch niemand darauf gekommen ist, oder sich solche Filme nicht im Netz verbreitet haben. Wobei man einräumen muss: Majorité Opprimée ist als französische Originalversion auch schon seit fast zwei Jahren bei YouTube zu sehen. Den Durchbruch brachten jetzt englische Untertitel.

Suchspiel statt Emotionen

Richtet sich der Film vor allem an Männer, die sich mit Pierre identifizieren können und nun mal erfahren, wie sich das Leben als Frau in einer frauenfeindlichen Gesellschaft anfühlt? Für mich war das Video trotz der Gewaltszene nicht besonders erschreckend. Schließlich lassen die paar Minuten am Anfang kaum die Zeit, Pierre wirklich kennenzulernen, die Emotionen halten sich also in Grenzen. Und dass es Vergewaltigungen und sexistische Anmache gibt, ist jedem Mann – rein kognitiv – natürlich bewusst. Für mich war das Ansehen daher eher ein Suchspiel: Wie viele Details entdecke ich, die sich in unserer Wirklichkeit genau andersherum darstellen?

Aber das bringt eine große Anschaulichkeit: Das Video zeigt den Sexismus, von dem wir alle wissen, dass es ihn gibt, den wir aber gern verdrängen. Wir wissen, dass Frauen von Fremden vergewaltigt werden. Aber wissen wir auch, dass die Täter noch öfter aus dem persönlichen Umfeld kommen? Zudem ist auch die Kritik an rassistischen Stereotypen im Film nicht ganz von der Hand zu weisen: Die Täterinnen haben etwas dunklere Haut, sehen aus wie Migrantinnen aus dem nördlichen Afrika.

Keine Gesellschaftsanalyse

Zudem wird in dem Video nicht die komplette Gesellschaft abgebildet. Man erfährt nicht, wo Pierre arbeitet, welche Karrierehindernisse ihm im Weg stehen, wenn er sich um das Kind kümmern muss. Man erfährt nichts von eingeschworenen Frauenbünden, von einer weiblichen Elite, die keine Männer zulässt. Und man erfährt nichts von Kindern, denen schon früh eingebläut wird, wie sie sich als Junge oder Mädchen zu verhalten haben.

Man sollte aber nicht zu sehr auf fehlenden Aspekten herumreiten. Natürlich kann ein Kurzfilm keine vollständige Gesellschaftsanalyse leisten. Das Video kann aber vielleicht einigen die Augen öffnen, andere zum Nachdenken bringen. Und das alles ohne den moralischen Zeigefinger. Wegen des wichtigen Perspektivwechsels könnte man den Film auch zum Thema in Schulen machen. Oder einfach vor jedem Kinofilm zeigen, der vor sexistischen Klischees strotzt.

Originalquelle: freitag.de

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