Ice Bucket Challenge? Fuck off!

Spaß haben und Gutes tun? Wer sich mit Eiswasser überschüttet und gegen die ALS-Krankheit spendet, übersieht die Nachteile – von Managergehältern bis zu Tierversuchen

Von Felix Werdermann

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Es ist nicht leicht, gegen den neuesten Trend anzuschreiben: Zehntausende, wenn nicht gar hunderttausende Menschen schütten sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf, stellen ein Video ins Netz und spenden für die Erforschung der seltenen Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS. Dann nominieren sie drei weitere Personen, die es ihnen nachtun sollen. Eine lustige Aktion für einen guten Zweck – wer könnte schon was dagegen sagen?

Die meisten Teilnehmer haben ihren Spaß und denken nicht nach. Sie übersehen die Nachteile des sogenannten „Ice Bucket Challenge“. Davon gibt es einige: Der neue Spendensport übt sozialen Druck aus, ist gefährlich, finanziert reiche Manager und Tierversuche und obendrein verhindert er indirekt die Erforschung der gefährlichsten Krankheiten der Welt.

Das Prinzip Kettenmail

Aber wer nicht mitmacht, steht als Spielverderber, womöglich gar als Geizhals da. Besonders Politiker und andere Personen der Öffentlichkeit sind diesem Druck ausgesetzt. Das Phänomen funktioniert nur durch das Schneeball-System: Jeder muss drei weitere Personen benennen, so steigt die Zahl der Teilnehmer ins Unendliche. Aber waren wir nicht schon mal so weit, dass wir nervige Kettenmails mit einem Klick in den Papierkorb befördern? Warum machen wir dann jetzt beim „Ice Bucket Challenge“ mit?

Zumal die Eiskübel-Dusche auch gefährlich sein kann. Wie viele Menschen sich bei der Video-Aufnahme verletzt oder eine Erkältung zugezogen haben, weiß niemand. Klar ist aber: Manch extreme Dusch-Aufnahme hat seine Opfer gefordert. Ein 51-jähriger Belgier ließ sich von einem Löschflugzeug mit Wasser übergießen – er musste ins Krankhaus. In den USA sollte von einem Feuerwehr-Kran das Wasser auf eine Menschenmenge gekippt werden – vier Feuerwehrleute erlitten einen Stromschlag, der Kran kam zu nah an eine Leitung.

Üppige Gehälter und Tierversuche

Und wenn man das Geld einfach so spendet an die ALS-Association? Dann finanziert man das üppige Jahresgehalt der Chefs. Die Präsidentin Jane H. Gilbert verdient rund 340.000 US-Dollar pro Jahr, so steht es in der Steuererklärung der Vereinigung. Das entspricht einem Monatsgehalt von mehr als 28.000 US-Dollar. Zehn weitere Personen in Führungspositionen bekommen über 100.000 US-Dollar pro Jahr.

Man mag das damit begründen, dass diese Einkommen in den USA so üblich seien. Aber warum dann nicht an eine europäische Organisation spenden? Den meisten Eiskaltduschern dürften diese Zahlen nicht einmal bekannt sein.

Für Tierfreunde scheidet die Spendenaktion ebenfalls aus. „Die ALS-Gesellschaft macht keinen Hehl daraus, bei ihren Forschungen auf ‚Tiermodelle‘ zu setzen, wie es im lebensverachtenden Jargon der Tierexperimentatoren heißt“, sagt Corina Gericke von der Organisation Ärzte gegen Tierversuche. Hauptsächlich würden genmanipulierte Mäuse und Ratten verwendet, die qualvoll sterben müssten. „Dabei ist seit Jahren bekannt, dass Tierversuche für die ALS-Forschung ein völliger Fehlgriff sind.“ Die Forscher sollten sich auf alternative Methoden konzentrieren.

Nicht genug Geld gegen Tuberkulose

Der Hype um „Ice Bucket Challenge“ könnte zudem ungewollte Nebenwirkungen haben: Die Spendengelder fehlen an anderer Stelle. So schlimm ALS auch ist – die Welt hat noch größere Probleme. Jetzt hat die ALS-Association in einem Monat nach eigenen Angaben rund 88,5 Millionen US-Dollar erhalten. Aufs Jahr hochgerechnet wäre das mehr als eine Milliarde.

Zum Vergleich: Für die Erforschung von Tuberkulose wird – von öffentlichen und privaten Einrichtungen auf der ganzen Welt – im Jahr ungefähr die Hälfte dessen ausgegeben, im Jahr 2012 waren es 627 Millionen US-Dollar. Tuberkulose ist eine der schlimmsten Krankheiten auf diesem Planeten. Jährlich sterben 1,3 bis 1,5 Millionen Menschen an ihr, hauptsächlich in Entwicklungsländern. Für diese Menschen wird kein „Ice Bucket Challenge“ veranstaltet.

Der Kampf gegen gefährliche Krankheiten darf nicht von der Marketing-Strategie abhängen. Die Staaten müssen genug Geld für die Forschung bereitstellen. Derzeit gibt es jedoch ein deutliches Ungleichgewicht: „Nur etwas mehr als zehn Prozent der globalen Forschungsaufwendungen werden der Bekämpfung von ungefähr 90 Prozent der Krankheitslast in der Welt gewidmet“, schreibt die BUKO Pharmakampagne, eine NGO, die sich für globale Gerechtigkeit in Gesundheitsfragen einsetzt.

Wer etwas tun möchte, kann an die BUKO Pharmakampagne spenden. Damit ist den Kranken dieser Welt weit mehr geholfen als mit Wassereimern.

Originalquelle: freitag.de

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