Die Lokführer-Schelte der Journalisten

Die Leser sind Bahnkunden und deswegen gegen den Streik – so denken einige Redakteure und schreiben die GDL in Grund und Boden. Doch diese Sichtweise ist verkürzt

Von Felix Werdermann

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Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte. Das hat Karl Marx einmal geschrieben. Aber was ist, wenn die Lokomotiven nicht vom Fleck kommen? Dann gilt das in Deutschland schon als Revolution. Obwohl solche Streiks im Ausland gang und gäbe sind. Seit dem gestrigen Donnerstag legen die Lokführer auch den Personenverkehr teilweise lahm. Ihr Gewerkschaftschef Claus Weselsky ist mittlerweile zum Buhmann der Nation avanciert. Aber warum wird die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, GDL, in der medialen Öffentlichkeit eigentlich ständig gescholten?

In vielen Zeitungen war zu lesen, es „drohe“ ein Streik. Als ob klar wäre, dass ein Streik negativ ist. Auch sehr beliebt unter Journalisten: die Perspektive der Bahnkunden einnehmen. „Pendler und Zugreisende müssen sich erneut auf schwierige Reisen einstellen“, heißt es dann im ersten Satz des Artikels, oder: „Fahrgäste und Firmenkunden der Deutschen Bahn müssen schon bald wieder mit einem Streik rechnen.“ Grundsätzlich ist diese Perspektive nicht falsch. Aber sie kann bei exzessivem Gebrauch andere wichtige Punkte in den Hintergrund rücken lassen und zu einer tendenziösen Anti-Streik-Berichterstattung und entsprechender Kommentierung führen.

Unpolitische Sicht

Dahinter steht die Annahme, dass die meisten Leser vom Streik nur als Zugreisende betroffen seien und folglich nur diese Interessen verfolgen. Aber das ist falsch. Die meisten Zeitungsleser – und die meisten Bahnfahrer – sind eben auch Arbeitnehmer. Sie haben Interesse an fairen Löhnen und guten Arbeitsbedingungen. Dafür ist manchmal auch ein Streik notwendig. Das gestehen sie nicht nur sich selbst, sondern natürlich auch allen anderen Arbeitnehmern zu. Auch den Lokführern.

Doch diese Logik ist für einige Redakteure offenbar zu kompliziert. Sie haben eine unpolitische Sicht auf die Situation: Die Leser fahren Bahn, also sind sie gegen den Streik. Demzufolge beteiligen sich diese Redakteure einfach am allgemeinen GDL-Bashing. Statt zum Beispiel aufzuschreiben, wie viel die Lokführer tatsächlich verdienen: Laut Tarifvertrag liegt das Bruttogehalt zwischen 2.200 Euro (als Berufsanfänger) und 3.500 Euro (nach mehr als 25 Jahren Berufserfahrung). Netto bleibt deutlich weniger, auf jeden Fall kein Spitzenverdienst.

Man kann durchaus das Konstrukt einer Berufsgewerkschaft kritisieren und einen Dachverband wie den DGB bevorzugen, in dem Arbeitnehmer aus allen Berufen organisiert sind. Aber deswegen sind GDL und GDL-Streik noch lange nicht illegitim.

Verquere FDP-Logik

Warum ausgerechnet die Arbeitsniederlegung der Lokführer in Grund und Boden geschrieben wird, dürfte auch etwas zu tun haben mit einer verqueren Logik, die bislang wohl am prominentesten von der FDP repräsentiert wurde: Streiks sind in Ordnung, aber sobald es weh tut… bitte nicht! Wer so denkt, hat den Sinn eines Streiks nicht verstanden.

Als die Liberalen noch im Bundestag saßen, haben sie eine Anfrage gestellt, das war im Jahr 2008. „Ist die Bundesregierung der Auffassung“, wollten die Abgeordneten damals wissen, „dass Arbeitskämpfe auch dann zulässig sind, wenn sie eine erhebliche Beeinträchtigung für die Allgemeinheit mit sich bringen (zum Beispiel in den Bereichen Bahn, Post, Telekommunikation)?“

Das ist die FDP: erst wichtige Dienstleistungen privatisieren und sich dann über das neu erlangte Streikrecht der Beschäftigten beklagen. (Wobei, nebenbei gesagt, eigentlich auch Beamte streiken dürfen sollten.) In gewisser Hinsicht war die FDP mit ihrem Vorstoß im Bundestag die Vorreiterin der SPD, die jetzt mit dem Gesetz zur Tarifeinheit ebenfalls das Streikrecht einschränken will. Die GDL hat viele Gegner. Einige Journalisten gehören derzeit leider auch dazu.

Originalquelle: freitag.de

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