Pressesprecher oder Presseverschweiger?

Wenn Journalisten kritisch nachfragen, tricksen Unternehmen. Der AKW-Betreiber Eon behauptet erst, die Zeit reiche nicht, um zu antworten – später will er dann nicht mehr

Von Felix Werdermann

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Selten bekommen die Leser mit, was sich zwischen Journalisten und Konzernen alles abspielt. Die Pressestellen der Unternehmen versorgen die Medienvertreter mit Informationen – oder auch nicht, wenn es dem eigenen Image schaden könnte. Manchmal wird auch mit fiesen Tricks gearbeitet. Meist merken die Journalisten das nicht, oder sie verschweigen es in ihren Berichten, weil sie sich bei den Pressestellen nicht unbeliebt machen wollen. Man ist schließlich auch in Zukunft auf Informationen angewiesen.

Ich schreibe öfter über Energiethemen. Auch ich will es mir eigentlich nicht verscherzen mit den Pressesprechern der Stromkonzerne. Aber es gibt eine Grenze. Vor kurzem habe ich recherchiert, ob das Geld reicht, das die Unternehmen für den Rückbau der Atomreaktoren und die Endlagerung des Mülls beiseitegelegt haben. Falls nicht, müssen die Bürger womöglich Milliarden zahlen. In der Kritik steht vor allem der Eon-Konzern, der sich durch interne Umstrukturierungen möglicherweise aus der finanziellen Verantwortung stehlen will. Doch Fragen dazu beantwortet die Pressestelle nicht. Der Effekt: Die Journalisten können auch nichts zitieren.

Einfach aussitzen

Als ich meine sechs Fragen an die Pressesprecherin schicke, lässst man mich wissen, dass die Zeit nicht ausreiche. Ich habe um Antwort innerhalb eines Arbeitstags gebeten, damit mir noch genug Zeit bleibt, um Nachfragen zu stellen. Die Absage verwundert, schließlich läuft die Diskussion über die Atomrückstellungen schon seit Monaten, die Eon-Position müsste der Pressesprecherin hinlänglich bekannt sein. Alle Fragen könnte sie in jeweils einem Satz beantworten, ich habe extra erwähnt: „Es reichen auch kurze Antworten.“

Doch der Trick mit dem Aussitzen klappt in der Regel sehr gut, das wissen die Pressesprecher. Insbesondere Tageszeitungsjournalisten erwähnen vielleicht noch in einem halben Satz, dass sich das Unternehmen bis Redaktionsschluss nicht geäußert hat, danach ist die Sache vergessen, die Antwort will niemand mehr wissen.

Atomforum als Buhmann

Ich habe die Eon-Absage im Text nicht erwähnt. Ich hätte es tun können, um zu zeigen: Seht her, ich habe ordentlich recherchiert! Aber der Leser erhält dadurch keine relevante Information. Stattdessen lasse ich ihn mit der Frage allein: Will Eon etwas verbergen oder fehlte der Pressestelle wirklich die Zeit?

Mein Artikel wird gedruckt, online erscheint er aber erst zwei Wochen später, ich kann ihn ergänzen. Also bitte ich die Pressesprecherin erneut, meine Fragen zu beantworten. Jetzt erst rückt sie damit heraus, dass sie sich zu den Fragen gar nicht äußern möchte. Hätte ihr das nicht schon vorher einfallen können? Da aber war es angeblich die mangelnde Zeit.

In beiden Antwort-Mails wird auf das Deutsche Atomforum verwiesen, den Dachverband der Nuklearindustrie. Der hatte zuvor schon Fragen von mir beantwortet. Allerdings ist das eine schlechte Ausrede von Eon. Erstens waren es teilweise andere Fragen, zweitens muss Eon nicht unbedingt der gleichen Meinung sein und drittens hatte das Atomforum bei einer Frage sogar direkt auf die Unternehmen verwiesen.

Die Absicht von Eon ist klar: Wir wollen nicht im Zeitungsbericht auftauchen. Stattdessen soll das Atomforum die Rolle des Buhmanns spielen, so bleibt das Image des Eon-Konzerns unangetastet. Bis ein Journalist die Sache öffentlich macht.

Originalquelle: freitag.de

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