Bitte vergessen Sie Edward Snowden!

Der Vorstand des Hochbegabtenvereins Mensa will den NSA-Whistleblower nicht mit dem Deutschen IQ-Preis ehren. Es gab Kritik, nun wird der Preis ausgesetzt – obwohl die Mitglieder abgestimmt hatten

Von Felix Werdermann

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Es ist nur eine Handvoll an Leuten, die mit ihren Plakaten vor der Schule in Gießen stehen. Sie halten Schilder mit dem Gesicht von Edward Snowden hoch, dem Whistleblower, der die Massenüberwachung durch den US-Geheimdienst NSA öffentlich gemacht hat. Was machen diese Demonstranten in Gießen? Hier vergibt der Hochbegabtenverein Mensa den Deutschen IQ-Preis – allerdings nur in der Kategorie Wissenschaft und Forschung. In der Kategorie Medien hätte Snowden gute Chancen gehabt, doch der Vereinsvorstand hat das durch Drohungen und undurchsichtige Absprachen im Hintergrund verhindert. Nun will der Vorstand den Konflikt aussitzen und sich dadurch der öffentlichen Kritik entziehen. Doch dadurch macht er die Situation nur noch schlimmer.

Wer den IQ-Preis erhält, darüber dürfen eigentlich alle Mensa-Mitglieder abstimmen, ganz demokratisch. Doch Snowden wurde als Kandidat nicht zugelassen, trotz massiver Proteste einiger Mitglieder. Der Grund war wohl die Angst, eine Auszeichnung des Whistleblowers könne als politisches Statement verstanden werden. Offiziell darf sich Mensa nicht zu politischen Themen äußern. In der Satzung heißt es jedoch auch: „Die Veröffentlichung der Ergebnisse von Mitgliederumfragen gilt nicht als Stellungnahme des Vereins.“

Alleingang des Vorstands

Dass Snowden von der Kandidatenliste gestrichen wurde – und zwar erst, nachdem der Vorstand die Wahlkommission unter Druck gesetzt hatte – verursachte einigen Ärger. Manche sprachen von „Zensur“, „Manipulation“ oder „Hongkong-Demokratie“. Am Ende wurde die Wahl ohne Snowden durchgezogen – und die meisten Stimmen bekam der britische Schauspieler Jonathan Lee Miller, womit Snowden-Fans die Preisvergabe „ad absurdum“ führen wollten.

Jetzt möchte der Vorstand dieses Ergebnis still und heimlich beerdigen. Wahrscheinlich hat er auch diesmal Angst vor der Öffentlichkeit. Die Nicht-Nominierung Snowdens sei „kritisch diskutiert“ worden, erläutert der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Andreas R. Wiebusch auf Anfrage des Freitags, „weshalb der Vorstand entschieden hat, dieses Jahr die Vergabe des IQ-Preis Medien auszusetzen“.

Darf der Vorstand überhaupt entscheiden, den IQ-Preis in der Kategorie Wissenschaft zu vergeben, nicht aber in der Kategorie Medien? „Beide Preise können, müssen aber nicht in jedem Durchlauf vergeben werden“, meint Wiebusch. Auf welche Grundlage er sich dabei stützt, verrät er jedoch nicht. Das könnte Ärger geben, denn weder in der Satzung noch in der Charta des IQ-Preises ist vorgesehen, dass der Vereinsvorstand die Preisverleihung einfach absagen kann, nachdem die Mitglieder schon demokratisch abgestimmt haben.

Bitte keine öffentliche Kritik!

Der Alleingang ist höchst problematisch, das weiß offenbar auch der Vorstand und wechselt daher in den Angriffsmodus gegen die Kritiker im Verein. Die „persönlichen Meinungen“ über Snowden müsse man „gegenüber den Vereinsprinzipien zurückstellen“, meint Wiebusch. „Diese Trennung gelingt aktuell leider einigen Mitgliedern nicht, die genau diese politischen Statements wollen und die vereinsinterne Diskussion in die Öffentlichkeit tragen.“ Übersetzt heißt das: Bitte keine öffentliche Kritik am Verhalten des Vorstands.

In Gießen wurde nun am vergangenen Wochenende der IQ-Preis in der Kategorie Wissenschaft und Forschung vergeben. Walter Diehl vom hessischen Kultusministerium bekam ihn für sein Engagement in der Förderung von Hochbegabten. Kritiker hatten ihn zuvor in einem offenen Brief aufgefordert, wegen des willkürlichen Ausschlusses von Snowden auf die Auszeichnung zu verzichten. Doch Diehl dachte nicht daran. Er halte die Diskussion für „vereinsintern“, ließ er eine Lokalzeitung wissen. Ja, dann: Herzlichen Glückwunsch!

Originalquelle: freitag.de

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