Bauch statt Tonne

Viel Essen wird weggeworfen, obwohl es noch gut ist. Neue Initiativen wollen das ändern

Von Felix Werdermann

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Selbst warme Semmeln gehen nicht immer gut weg. Viele Brötchen werden am Abend vom Bäcker weggeschmissen. Besonders dramatisch sei die Situation in den Supermärkten von Rewe, beklagen nun Aktivisten der Kampagne „Leere Tonne – Wegwerfstopp für Supermärkte“. In der vergangenen Woche zogen sie zur Rewe-Zentrale in Köln und schütteten aus Protest unverkaufte Brote und Brötchen auf den Boden. Ihre Kritik: Der Konzern zwinge die Bäckereien in den Märkten, die Regale bis Ladenschluss immer wieder mit frischer Ware aufzufüllen. Am Abend landen dann große Mengen im Müll.

Das Unternehmen weist die Kritik von sich. Die Bäckereien seien unabhängig von Rewe und hätten eben den Anspruch, „dass der Kunde immer die Ware vorfindet, die er haben möchte – und das auch in den Abendstunden“. Einen Zwang gebe es aber nicht. Das sehen die Anti-Wegwerf-Aktivisten anders. Sie haben von betroffenen Bäckereien die Verträge erhalten, in denen die Bedingungen festgelegt sind, unter denen diese sich in die Rewe-Filiale einmieten. Der Bäcker, so heißt es darin, „verpflichtet sich, stets für ausreichend Ware und Frische zu sorgen“. Die Verkaufsstelle müsse „während der gesamten Ladenöffnungszeit (…) gut bestückt“ sein. Es sind dehnbare Begriffe, ein Zwang lässt sich schwer nachweisen. Die Aktivisten berichten, dass Rewe die Bäcker kontrolliere und darauf achte, dass genug Brot im Regal liegt.

Millionen tote Tiere im Müll

Lebensmittelverschwendung ist ein riesiges Problem in Deutschland, nicht nur im Gewerbe, sondern auch in Privathaushalten. Laut einer Studie der Umweltstiftung WWF landen jedes Jahr insgesamt 18,4 Millionen Tonnen genießbare Nahrung im Müll. Der Großteil des Abfalls könnte ohne neue Technologien vermieden werden. Das würde auch dem Klima nützen, schließlich müssten dann weniger Lebensmittel hergestellt werden. Insbesondere eine gedrosselte Fleischproduktion würde den Treibhausgasausstoß verringern. Das Potenzial hat die Heinrich-Böll-Stiftung in ihrem Fleischatlas gezeigt: Jedes Jahr landen 45 Millionen Hühnchen, 4 Millionen Schweine und 230.000 Rinder im Müll.

Immerhin wird die Haltbarkeit von Fleisch vergleichsweise gut gekennzeichnet. Das Verfallsdatum gibt an, ab wann das Fleisch möglicherweise verdorben ist. Für andere Lebensmittel gilt das Mindesthaltbarkeitsdatum und dieses benennt – anders, als der Name es vermuten lässt – nicht den Zeitpunkt, bis zu dem ein Produkt ohne Gefahr für die Gesundheit gegessen werden kann. Nein, der Hersteller garantiert bis zum Haltbarkeitsdatum für Geschmack, Aussehen, Konsistenz und Nährwert. Danach sieht das Essen vielleicht etwas anders aus, ist aber deswegen nicht unbedingt schlecht.

Nun will die Politik nachbessern. Die Zukunftskommission der CDU hat sich mit dem Thema befasst und will für einige Nahrungsmittel neue Regeln einführen. „Salz oder Zucker verderben nicht bei ordentlicher Aufbewahrung“, sagt die Leiterin der Kommission, Julia Klöckner. „Bei Lebensmitteln, die haltbar sind, brauchen wir deshalb kein Mindesthaltbarkeitsdatum.“
Intelligente Aufkleber

Vielleicht hilft demnächst auch ein Aufkleber weiter, der gerade in Großbritannien von der Designerin Solveiga Pakstaite entwickelt wird. Er besteht aus einer Gelatineschicht, die von Plastik umgeben ist. Die Gelatine verändert mit der Zeit ihre Konsistenz, und zwar ähnlich wie die Nahrung auch in Abhängigkeit von der Temperatur. Wenn das Essen also kühl gelagert wird, bleibt die Gelatine im Sticker länger hart. Erst wenn unter der weichen Gelatine der Plastikknubbel zu spüren ist, sollte man die Finger vom Essen lassen.

Helfen könnte der Aufkleber all jenen, die sich nicht trauen, anhand des Geruchs und des Aussehens zu beurteilen, ob das Essen noch genießbar ist. Allerdings dürften sich Vegetarier gegen die Sticker entscheiden, weil Gelatine oft aus Tierknochen oder -gewebe hergestellt wird. Pakstaite testet jedoch auch einen Aufkleber mit Maisstärke. Gegen Ende des Jahres soll der Gelatine-Sticker erstmals in britischen Supermärkten ausprobiert werden.

Originalquelle: freitag.de

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