Ein sauberes Geschäft

Umweltschützer wollen Banken und Investoren auf Öko-Kurs zwingen und so Kohlekonzernen das Kapital entziehen. Kann das gelingen?

Von Felix Werdermann

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Es ist eine Krötenwanderung der besonderen Art, zu der die Umweltorganisation „Urgewald“ aufruft. Die Kröten, das Geld umweltbewusster Bürger, sollen künftig ethischen und ökologischen Kriterien folgen – und nicht mehr dem Profit. Konkret heißt das, gegebenenfalls die Bank zu wechseln. Atom- und Kohleindustrie würde so der Geldhahn zugedreht. Im ökologischen Bankerslang heißt das Divestment, also Rückzug von Geld aus Unternehmen.

Urgewald ist eine kleine Organisation mit Sitz im westfälischen Sassenberg – doch mit ihrem ungewöhnlichen strategischen Ansatz will sie riesige Umweltschweinereien in aller Welt verhindern. „Wir organisieren Kampagnen gegen Investoren und Finanziers“, sagt Geschäftsführerin Heffa Schücking. „Hier liegt die Achillesferse vieler Vorhaben.“ Seit 1992 engagiert sich Urgewald gegen Atomkraftwerke, Kohleminen, Mega-Staudämme oder Rüstungsprojekte. Einzelne Projekte wie das Atomkraftwerk im bulgarischen Belene wurden so gestoppt. Man kann sagen: Urgewald kämpfte schon für das Divestment, als mit dem Begriff selbst in der Öko-Szene kaum jemand etwas anfangen konnte.

Hoher Symbolwert

Erst in den letzten Jahren ist der Ansatz unter dem englischen Label „Divestment“ bekannt geworden: Firmen, Institutionen und Privatpersonen sollen sich dauerhaft von ihren umweltschädlichen Investitionen trennen. Die Klimaaktivistin und Bestseller-Autorin Naomi Klein wirbt dafür, der britische Guardian unterstützt das Anliegen, und die Umweltorganisation 350.org fährt Kampagnen. Kurz: Viele Klimaaktivisten setzen große Hoffnung in diese Idee.

Aber lässt sich durch das Umleiten der Finanzströme tatsächlich das Ökosystem Erde vor dem Kollaps bewahren? Zweifel sind angebracht. Divestment-Erfolge von Umweltschützern haben zwar einen hohen symbolischen Wert und erzeugen Aufmerksamkeit für das Problem des viel zu hohen CO2-Ausstoßes. Doch von echten Finanzierungsproblemen der Öl- und Kohleindustrie sind wir weit entfernt – und es dürfte praktisch unmöglich sein, dahin zu kommen.

Es gibt Alternativen

Merkwürdig ist es schon, dass umweltbewusste Bürger zwar wie selbstverständlich Ökostrom beziehen, ihr Geld aber immer noch zu einer Bank bringen, die damit Kohlekraftwerke finanziert. Dabei ist es gar nicht schwer, umweltfreundliche Alternativen zu finden. Urgewald etwa empfiehlt die GLS-Bank, die Triodos Bank und die Ethikbank, deren Konten seien garantiert atom- und kohlefrei. Wer auf den Bankautomaten vor Ort nicht verzichten und bei einem lokalen Geldinstitut bleiben möchte, kann dort auch ein Girokonto behalten und nur die größeren Geldmengen umschichten.

Komplizierter wird es bei den Wertpapier-Fonds. Antje Schneeweiß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Südwind-Institut in Bonn. Sie beschäftigt sich mit ethischen und ökologischen Geldanlagen. Bei Fonds sei auf drei Dinge zu achten: „Bestimmte Industrien sollten ausgeschlossen sein; zudem muss deutlich werden, wer die Unternehmen recherchiert, deren Aktien möglicherweise in den Fonds aufgenommen werden; und idealerweise gibt es einen Beirat, der am Ende die Firmen mit auswählt.“ Wie ist es mit Lebensversicherungen? Mit der Ausnahme einiger weniger, die freiwillig ihre Investitionen veröffentlichen, fehle hier die Transparenz, sagt Schneeweiß. „Und ohne Transparenz gibt es auch keine nachhaltigen Versicherungen.“

„Völlig gegen ihre Denke“

Die Umweltschützer von Urgewald nehmen nun die Banken ins Visier. Vor der Pariser Klimakonferenz im Dezember haben sie zusammen mit der Organisation Banktrack den Aufruf „Do the Paris pledge“ gestartet. Zunächst sollen die Banken die Kohlefinanzierung beenden, andere fossile Energien könnten folgen. „Wir haben große Ziele, aber wir suchen auch nach pragmatischen Schritten“, erklärt Geschäftsführerin Schücking. Trotzdem sei es schwierig, Banken, Fonds oder Versicherungen vom Ausstieg aus umweltschädlichen Projekten zu überzeugen. „Große Investoren finden den Gedanken schlimm, einen Sektor gänzlich auszuschließen. Das ist völlig gegen ihre Denke.“

Doch das ist nicht das einzige Problem am Ansatz der De-Investition. Sobald sich ein Investor von der Anlage trennt, kommt der nächste. Die Unternehmensanteile werden einfach verkauft, die Kohleproduktion läuft weiter. Einen realen Effekt gibt es erst, wenn die Investitionen in fossile Energien bei vielen Geldgebern so unbeliebt sind, dass für diese Projekte der zu zahlende Zinssatz steigt – und sie sich nicht mehr rentieren. Bis dahin ist es ein weiter Weg.

Am Anfang ist es für Investoren ganz einfach: Es gibt genügend grüne Projekte mit der gleichen Rendite, der Wechsel ist kein Problem. Antje Schneeweiß vom Südwind-Institut sagt, dass es viele wissenschaftliche Untersuchungen dazu gebe. „Unterm Strich kann man sagen, dass man durch die Entscheidung für eine nachhaltige Anlage keine finanzielle Einbußen hat.“

Sobald aber viele Investoren auf Kohle verzichten, sieht es anders aus. Veranschaulichen lässt sich das, wenn man sich zwei verschiedene Kapitalmärkte vorstellt: einen für Kohlefinanzierung und einen für die anderen Investitionen. Je weniger Kapital für den ersten Markt zur Verfügung steht, desto höher werden dort die Zinsen. Gleichzeitig fließt dann aber auch mehr Kapital in den zweiten Markt, was die Zinsen dort sinken lässt. Wer sein Geld kohlefrei anlegt, muss also auf Zinseinnahmen verzichten.

Öffentlicher Druck

Privatleuten mit Umweltbewusstsein mag das egal sein. Ob die großen Investoren jedoch auf ihrem Öko-Kurs bleiben, wenn es mit Kohlekraft mehr Geld zu verdienen gibt, ist fraglich. Sie müssen von ihren Kunden dazu gedrängt werden. Nur wenn ihr Image unter der Kohlefinanzierung genug leidet, werden sie dabei bleiben.

Lässt sich auf alle Großinvestoren genug öffentlicher Druck ausüben? Laut Urgewald bekommt die Kohleindustrie 73 Prozent ihrer Direktfinanzierung von nur 20 Banken weltweit, man müsste also vielleicht nur diese Geldinstitute zum Abzug ihrer Investitionen bewegen. Doch selbst wenn das gelänge, könnten die übrigen Banken einfach mehr Geld zur Verfügung stellen. Die Auswirkungen auf die Zinsen dürften marginal sein.

Tatsächlich der Todesstoß

Trotzdem lohnt es sich, die Bank zu wechseln. Zum einen werden vielleicht doch ein paar einzelne Kohleprojekte verhindert, weil sie keine Finanziers finden. Zum anderen geht es beim Bankenwechsel nicht nur um das angelegte Geld, sondern auch um die Frage, ob die Gewinne aus dem Geschäft einer Ökobank überlassen werden, die damit Lobbyismus für die gute Sache macht. Oder ob sie die PR-Abteilung einer Großbank finanzieren.

Aussichtsreicher ist jedoch der Kampf gegen staatliche Förderkredite für Kohlekraft. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau etwa gibt günstige Darlehen an Kohleprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern. Nach Protesten von Urgewald und anderen NGOs hat die Bundesregierung angekündigt, die Finanzierung zu reduzieren. Frankreich will künftig sogar ganz darauf verzichten. Weil die Kredite so günstig sind, handelt es sich um eine Art der Subvention. Diese Form von Divestment könnte vielen Kohleprojekten tatsächlich den Todesstoß versetzen.

Originalquelle: freitag.de

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