Tag-Archiv für 'effektiver-altruismus'

„Nicht einfach irgendwie helfen“

Politischer Aktivismus und Spendengelder sollten sich auf die größten Probleme weltweit konzentrieren, rät der Philosoph Adriano Mannino von der Stiftung für Effektiven Altruismus

Interview: Felix Werdermann

weiterlesen auf freitag.de

Wie kann man nicht nur Gutes tun, sondern das meiste Gute tun? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine Konferenz am Samstag in Berlin. Adriano Mannino ist Präsident der Stiftung für Effektiven Altruismus, die den Kongress organisiert hat.

Der Freitag: Viele Menschen können mit dem Begriff Effektiver Altruismus wenig anfangen. Können Sie die Idee in drei Sätzen erklären?

Adriano Mannino: Das Konzept besteht aus zwei Elementen: Effektivität und Altruismus. Altruismus ist das Gegenteil von Egoismus. Man versucht, nicht nur die eigenen Interessen zu berücksichtigen, sondern auch anderen zu helfen. Das zweite Element ist die Effektivität. Man versucht also nicht irgendwie zu helfen, sondern möglichst effektiv.

Muss man jetzt schon die Hilfe rationalisieren und ökonomisieren?

Ja, denn unsere Ressourcen sind begrenzt. Wenn man die Hilfe nicht ökonomisiert, wird jemand leiden und sterben, den man hätte retten können. Die ethische Grundlage für unseren Ansatz liegt darin, dass es besser ist, mehr Menschen zu helfen als wenigen Menschen. Wenn wir beispielsweise zwischen zwei Gesundheitssystemen oder zwei Verkehrsgesetzen wählen müssen, dann entscheiden wir uns für diejenige Option, die die Opferzahl minimiert. Das Gleiche sollte auch für das Spenden und den politischen Aktivismus gelten. Da variieren die Opferzahlen teilweise ganz massiv.

Was bedeutet das konkret?

Viele effektive Altruisten fokussieren sich auf globale Probleme. Rund 800 Millionen Menschen sind permanent unterernährt. Studien haben gezeigt, dass man in sehr armen Ländern, zum Beispiel in Uganda, schon mit weniger als 3.000 Euro ein Leben retten kann. In unseren Breitengraden kostet das hundert Mal mehr.

Die Bekämpfung der Armut in Deutschland ist dann unwichtig?

Nein, aber man muss sie ins Verhältnis setzen: Weltweit sterben jeden Tag rund 16.000 Kinder an den Folgen extremer Armut. Würde sich diese Katastrophe hier zutragen, hätte das die absolute politische Priorität. Wenn aber jedes Leben gleich viel zählt, unabhängig vom Geburtsort, dann folgt daraus, dass es dringender ist, sich um diese globalen Probleme zu kümmern.

Ist es nicht problematisch, alles auf Zahlen zu reduzieren?

Manche Menschen halten ökonomisches Denken an sich für problematisch, oder sogar für egoistisch. Doch das Reduzieren auf Zahlen ist durch die mitfühlende Absicht motiviert, unnötiges Leid zu verhindern. Berechnungen stellen wir in allen möglichen Lebens- und Gesellschaftsbereichen an: Wo immer es darum geht, aus einem Ressourceneinsatz das Optimum herauszuholen, sind Berechnungen vonnöten. Es wäre daher unverantwortlich, ausgerechnet dort, wo es um Leben und Tod geht, auf Berechnungen, die der optimalen Zielerreichung dienen, zu verzichten.

Viele Aktivisten beschäftigen sich mit Armutsbekämpfung, Verminderung von Tierleid, Künstlicher Intelligenz oder der Abwendung von existenziellen Gefahren wie einem Atomkrieg. Wie entscheidet man sich da für ein Ziel?

Als erstes kann man sich fragen: Welche Probleme sind wie groß? Was sind die tatsächlichen, was die potenziellen Opferzahlen? Terrorismusbekämpfung ist zum Beispiel politisch ein Riesenthema, aber aktuell sterben pro Jahr weniger als 30.000 Menschen an Terroranschlägen weltweit. Im Straßenverkehr sind es hingegen 1,2 Millionen Menschen – vierzig mal mehr! Analog kann man andere Probleme analysieren. 800 Millionen Menschen sind unterernährt, etwa 60 Millionen sind auf der Flucht. Das verursacht unvorstellbares Leid und die Zahlen sind einfach enorm.

Also sollte man sich immer mit dem Problem mit den meisten Opferzahlen befassen?

Nein, ein weiteres Kriterium ist die Frage der Vernachlässigung. Wenn ein gesellschaftliches Anliegen stark vernachlässigt ist, kann man mit Zeit und Geld dort wahrscheinlich mehr bewirken als in anderen Bereichen. Außerdem gibt es zukunftsträchtige Themen wie das Bemühen um Sicherheit bei Künstlicher Intelligenz. Viele Experten glauben, dass von Künstlicher Intelligenz ähnliche Gefahren ausgehen könnten wie von Atomwaffen.

Viele effektive Altruisten engagieren sich auch für Tiere. Kann man Tier- und Menschenleid überhaupt miteinander vergleichen?

Das ist umstritten. Relativ klar ist aber, dass Tierschutz ein wichtiger Wert sein sollte. Immer mehr Wissenschaftler nehmen an, dass Tiere ähnlich stark leiden können wie Menschen – weil Intelligenz nicht unbedingt mit Leidensfähigkeit in Zusammenhang steht. In Tierfabriken leiden etwa 60 Milliarden Tiere pro Jahr. Es geht aber auch um die Menschen: Die Massentierhaltung verursacht mehr Treibhausgase als der weltweite Verkehr und ist somit mitverantwortlich für den Klimawandel, der alle zukünftigen Generationen stark negativ beeinflussen kann. Zudem erhöhen Tierfabriken das globale Pandemierisiko. Und wenn zum Beispiel Soja an Tiere verfüttert wird, treibt das die Nahrungsmittelpreise in die Höhe, was wiederum die ärmsten Menschen trifft.

Der Effektive Altruismus beschäftigt sich auch mit der Frage, was jede einzelne Person tun kann. Ungewöhnlich ist etwa das Konzept „Earning to Give“: Man sucht sich einen hoch bezahlten Job und spendet dann viel Geld. Ist das die beste Option?

Nicht in jedem Fall. Das hängt immer von den persönlichen Interessen und Fähigkeiten ab. Wir schätzen, dass „Earning to Give“ für ungefähr 20 Prozent der Leute die effektivste Option darstellt.

Wer eine Menge Geld verdient, arbeitet oft in großen Unternehmen, die auch viel Schlechtes anrichten.

Manche Menschen glauben, dass Geld nur auf dreckige Weise verdient werden könne. Aber das stimmt einfach nicht. Es gibt viele gut bezahlte Berufe, die moralisch einwandfrei sind. Zum Beispiel kann es sinnvoll sein, in die Schweiz zu ziehen, weil dort das Lohnniveau viel höher ist. Und auch im Banking-Bereich gibt es einige Jobs, die volkswirtschaftlich sinnvoll und moralisch zu vertreten sind. Da kann man nach ein paar Jahren eine halbe Million Euro verdienen und damit viele Stellen finanzieren. Aber natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten. Sehr effektiv sein kann auch, die Gesellschaft zu beeinflussen und Debatten anzustoßen, zum Beispiel als Journalist.

Viele Leute wollen helfen und spenden auch – aber nicht nach rationalen Kriterien. Wie erklären Sie sich das?

Die plausibelste Erklärung besteht sicherlich darin, dass das Helfen natürlich etwas stark Emotionales ist. Daran wird der Effektive Altruismus auch nicht rütteln. Ohne Mitgefühl würden wir keine Motivation verspüren, zu helfen, und kein rationales Argument der Welt könnte uns davon überzeugen. Der Effektive Altruismus schlägt nun vor, dass man das Mitgefühl erhält, aber wirkmächtiger macht, indem man es mit Rationalität kombiniert. Das ist allerdings keine leichte Aufgabe. Es gibt Studien aus der Hirnforschung, die gezeigt haben, dass rationales Denken und Emotionen auf unterschiedlichen Hirnarealen beruhen, die miteinander auch in Konflikt stehen können. Deswegen fällt es unseren Gehirnen vielleicht schwer, das zusammenzubringen. Aber an sich scheint überhaupt kein Konflikt zu bestehen: Man kann hochgradig mitfühlend und gleichzeitig hochgradig rational sein, indem man das kritische Denken in den Dienst des Mitgefühls stellt.

Lässt sich die Skepsis vieler Leute wirklich mit der Funktion des Gehirns erklären?

Die Skepsis ist auch kulturell bedingt. Es ist aktuell nicht die Norm, rational über Spenden nachzudenken. Oder zehn Prozent des Einkommens zu spenden statt nur ein Prozent. Wenn wir bereits im Kindesalter mit diesen Ideen konfrontiert worden wären, dann käme die Frage vielleicht gar nicht auf, ob wir nicht rational über unser Spenden nachdenken sollten. Dann wäre das einfach Normalität. Ich hoffe, dass das in 10 oder 20 Jahren so sein wird.

Was antworten Sie Leuten, die sagen: Ich bin Egoist. Weshalb sollte ich Altruist werden?

Wenn das wirklich jemand denkt, kann ich auch nicht dagegen argumentieren. Aber meistens stellt sich heraus, dass die Leute gar keine Egoisten sind, wenn ich ihnen ein Gedankenexperiment präsentiere. Würdest du auf einen Knopf drücken, der dir 3.000 Euro ausspuckt, aber gleichzeitig einem anderen Menschen irgendwo auf der Welt eine tödliche Krankheit zufügt? Die Antwort lautet meist: Nein, das würde ich natürlich nicht machen. Dann sage ich: Aber als Egoist müsstest du das tun. Und dann erzähle ich: Es gibt noch einen anderen Knopf, der einem 3.000 Euro vom eigenen Konto abzieht, aber einem anderen Menschen da draußen das Leben retten kann. Die spannende Frage lautet: Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Knöpfen?

Adriano Mannino, 29, ist Philosoph und Präsident der Stiftung für Effektiven Altruismus, die den Kongress „Effective Altruism Global X Berlin“ organisiert hat. Zu der Konferenz werden rund 300 Personen erwartet, es wird voraussichtlich das größte Treffen der Bewegung im deutschen Sprachraum

Originalquelle: freitag.de

altruismus armut atomwaffen effektiver altruismus ethik geld globale armut helfen hilfe hunger künstliche intelligenz ngo philosophie spenden tierleid tierschutz wirtschaft zivilgesellschaft altruismus armut atomwaffen effektiver altruismus ethik geld globale armut helfen hilfe hunger künstliche intelligenz ngo philosophie spenden tierleid tierschutz wirtschaft zivilgesellschaft

„Große Unterschiede in der Effektivität“

Statt an das lokale Tierheim sollten wir lieber an Organisationen spenden, die sich für weniger Leid durch die Massentierhaltung einsetzen, sagt Experte Stefan Torges

Interview: Felix Werdermann

weiterlesen auf freitag.de

Wie können Tierfreunde am effektivsten handeln, um das Leid möglichst vieler Lebewesen zu reduzieren? Dieser Frage widmet sich ein Kongress am Wochenende, zu dem 300 Aktivisten, Wissenschaftler und Interessierte in Berlin erwartet werden. Stefan Torges hat die Konferenz mit organisiert. (mehr…)

altruismus effektiver altruismus haustiere massentierhaltung mitgefühl ngo rationalität sentience conference sentience politics tiere tierrechte tierschutz vegan veganismus vegetarisch altruismus effektiver altruismus haustiere massentierhaltung mitgefühl ngo rationalität sentience conference sentience politics tiere tierrechte tierschutz vegan veganismus vegetarisch

Start einer neuen Bewegung

Auch in Deutschland gibt es immer mehr Anhänger des 
Effektiven Altruismus. Die Bewegung fasst nun hierzulande Fuß. Aktive glauben an eine große Zukunft

Von Felix Werdermann

weiterlesen auf freitag.de

Das provisorische Büro sieht unverdächtig aus, doch es könnte die Keimzelle für eine neue Bewegung in Deutschland sein. Berliner Altbauwohnung, vierter Stock, hohe Decken, große Fenster, keine Bilder, keine Pflanzen, nur zwei Tische. Fünf junge Männer sitzen vor ihren Laptops, hauen in die Tasten, chatten auf Facebook. Sie werben für den Effektiven Altruismus. Die Idee: Wir sollten mit unserer Zeit und unserem Geld möglichst effizient umgehen, um möglichst viel Gutes zu tun. Globale Armut bekämpfen, Tierleid mindern, existenzielle Risiken für die Menschheit ausschließen.

In anderen Ländern ist die Bewegung schon stärker, besonders in den USA und Großbritannien, aber auch in der Schweiz. Dort hat die Stiftung für Effektiven Altruismus ihren Sitz, die jetzt nach Deutschland expandiert. Tobias Pulver gehört zur „Vorhut“, wie er es nennt. Der 25-Jährige hat Politikwissenschaft studiert, an der Uni Zürich kam er mit dem Effektiven Altruismus in Kontakt, nach seinem Bachelor-Abschluss entschied er sich gegen ein Masterstudium und arbeitete lieber für die Stiftung. Erst in Basel, seit Anfang März in Berlin.

„Wir wollen unsere Arbeit auf den kompletten deutschsprachigen Raum ausweiten“, sagt Pulver. Berlin hat aber noch einen weiteren Vorteil: „Es lebt sich günstig hier. Wir können mit den gleichen Ressourcen mehr Leute anstellen.“ Da ist er wieder, der Effizienz-Gedanke. Wäre dann nicht ein Büro in einem Entwicklungsland am sinnvollsten? „Das war tatsächlich eine Überlegung“, sagt Pulver. „Dagegen spricht aber, dass wir eine Bewegung aufbauen wollen. Dafür müssen wir vor Ort sein.“ Konferenzen organisieren, Vorträge halten, Leute treffen. Einige deutsche Ortsgruppen hat die Stiftung bereits: Bayreuth, Berlin, München, Osnabrück, Stuttgart.

Lohnverzicht als Spende

In der Hauptstadt soll nun die neue Zentrale entstehen. Bisher ist das nur eine WG aus jungen Menschen, die für die Stiftung arbeiten oder dem Effektiven Altruismus nahestehen. Die Küche ist noch nicht eingebaut, ein Zimmer dient vorläufig als Arbeitszimmer. In den kommenden Monaten sollen bessere Räume gefunden werden und das Büro ausziehen.

Die Stiftung beschäftigt rund 20 Leute, davon fünf in Deutschland. Einer von ihnen ist Stefan Torges. „Es geht darum, die Idee bekannt zu machen und gerade bei jungen Leuten ethische Karrierewahlen in den Fokus zu rücken.“ Sprich: Welchen Beruf soll ich wählen, um am meisten Gutes zu bewirken? Beispielsweise kann es sinnvoll sein, viel zu verdienen, um viel zu spenden.

Bei der Stiftung hingegen bekommen die Mitarbeiter nur sehr wenig bezahlt. Torges beispielsweise erhält den gesetzlichen Mindestlohn, im Monat sind das rund 1.100 Euro netto. „Ich komme damit aus“, sagt der 24-Jährige. Andere bekommen nur wenig mehr. Langfristig will die Stiftung aber höhere Gehälter zahlen, erklärt Tobias Pulver. Im Moment hätten viele keine Familie, bräuchten nicht so viel Geld. „Wir setzen uns mit den Leuten zusammen und besprechen: Was ist deine Erwartung, damit du motiviert arbeiten kannst?“ Der Lohnverzicht sei eine Art Spende für die Bewegung. Es gebe daher auch keinen Neid auf Besserverdienende innerhalb der Stiftung. „Die Leute sind stolz, wenn sie weniger verdienen als andere.“

Welche Zukunft hat die Bewegung für Effektiven Altruismus in Deutschland? Bisher ist sie hierzulande noch klein. Eine Facebook-Gruppe für den gesamten deutschsprachigen Raum hat gerade mal 1.000 Mitglieder. Allerdings hat die Bewegung gerade unter jungen Leuten großen Zulauf. Im Prinzip lässt sie sich mit drei Worten beschreiben: jung, männlich, vegetarisch. Pulver und Torges berichten, dass nur wenige Aktivisten älter als 30 Jahre seien. Den Frauenanteil schätzen sie auf ein Drittel. Und rund 80 Prozent lebten vegetarisch, in der Stiftung arbeiteten fast nur Veganer.

Die beiden glauben fest an die Zukunft ihrer Bewegung. Durch Internet und soziale Medien können sich die Interessierten besser vernetzen, das sei für das Entstehen sehr wichtig gewesen. Zudem änderten sich die Moralvorstellungen. Immer mehr Lebewesen würden in den „empathischen Kreis“ einbezogen, meint Torges. Früher war es nur die Familie, dann kamen die Gesellschaft, die Menschheit, die Tiere. Er ist überzeugt: „Es gibt einen ethischen Fortschritt.“

Originalquelle: freitag.de

altruismus bewegung deutschland effektiver altruismus effizienz ethik fortschritt geld hilfe internet spenden tobias pulver altruismus bewegung deutschland effektiver altruismus effizienz ethik fortschritt geld hilfe internet spenden tobias pulver